Kultur : Alle auf einem Ast

Überwiegend heiter verlief, wie in einem Teil der gestrigen Ausgabe berichtet, die Filmpreis-Gala in Berlin, die mit dem Triumph des nationalen Geschichtsversöhnungswerks „John Rabe“ endete. Wohl Hunderte von Stars waren unter den 2000 Gästen, aber unter den Immerwiedergewürdigten fehlt hier noch einer auf seinem verdienten Sockel. Ein wahrer Filou übrigens, der es als getarnter Otto Normalo durchaus mit Ehrenpreisträger Loriot aufnehmen könnte. Sein Allerweltsname: Bernd Neumann.

Wie locker hat sich der Mann gemacht, der als Kulturstaatssekrektär zunächst allenthalben wegen seiner Bremer Bräsigkeit gescholten worden war! Bei der Gala ließ er sich nicht nur vor der Vergabe der Hauptpreise zu einer munteren Wechselmoderation mit Filmakademie-Präsidentin Senta Berger herbei, sondern sorgte bereits in der verblüffend schwungvoll geratenen Eröffnungsrede für eine gewisse Hochstimmung unter den Geladenen. Keine Frage, diese Gala ist Neumanns Jahreslieblingstermin, bei dem es ihm regelrecht „Spaß macht, den Glücksboten zu spielen“.

Nicht nur wegen der reichlichen Staatsknete für die Lolas: Der Kulturstaatsminister ist für die Branche der spendable Onkel aus Amerika, seit er den Deutschen Filmförderfonds aufgelegt hat, aus dem die Produzenten 60 Millionen pro Jahr schöpfen können – zusätzlich zu allen anderen Förderquellen. Eine davon, und eine der großen, ist die Filmförderanstalt FFA, die sich aus Beiträgen der am Geschäft beteiligten Unterbranchen finanziert. Nur: Darum gibt’s seit Monaten Knatsch. Die Kinobetreiber zahlen nicht mehr brav ein – mit dem Hinweis, sie würden laut Gesetz dazu gewungen, während die reichen Fernsehsender nur freiwillig spenden. Kernig rief Neumann den Kinoleuten daher entgegen: „Sägt nicht den Ast ab, auf dem ihr selbst sitzt!“

Mann, war das flott-frech, für einen Amtsträger! Denn niemand Geringeres als das Bundesverwaltungsgericht hatte unlängst den Kinobetreibern in ihrer Klage gegen die Ungleichbehandlung recht gegeben und damit das soeben von Neumanns Leuten selbst novellierte Filmförderungsgesetz gekippt. Nun sitzen die Koalitionsfraktionen fiebernd nach und wollen noch vor der Sommerpause das Gesetz nachbessern. Mit anderen Worten: Schwere Schlappe das, auch für den Kulturstaatsminister.

Das ZDF übrigens, das am Freitag die Gala zeitversetzt sendete, hat Neumanns Rede nicht übertragen. Schade eigentlich. Der flotte Wurf des Ministers müsste gerade ihnen, den ewig geschonten Freiwilligzahlern, besonders gefallen haben. Bevor der Bumerang zurücksegelt: Schneiden kann man ja immer noch.

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