Kultur : Alle Bilder stehen still

Doppelschau vor der Berlinale: Das Filmmuseum zeigt „Licht und Schatten“ und „The Unseen Seen“.

Helmut Merker
Spieglein, Spieglein in der Hand. Pola Negri in Ernst Lubitschs „Madame Dubarry“ (1919). Foto: Deutsche Kinemathek
Spieglein, Spieglein in der Hand. Pola Negri in Ernst Lubitschs „Madame Dubarry“ (1919). Foto: Deutsche Kinemathek

„Fast jedes Bild ist gelungen“, urteilte Kurt Tucholsky 1920 und befand: „Verzwackt die Gebärden, verzwickt Licht und Schattenspiel an den Wänden. Ein Mord wird sichtbar – als Schattenspiel an einer grauen Wand.“ Die schrägen Linien, schiefen Wände, geneigten Ebenen, verzerrten Perspektiven, aufgemalten Schatten sind vielfach als die charakteristischen Merkmale beschrieben worden, und ein anderer zeitgenössischer Kritiker hat das Ohr am rechten Fleck, als er bei der Betrachtung wohlhabender Patrizierhäuser, kleiner Handwerkerhütten und verhutzelter Straßen die Botschaft vernahm: „Da schreit es nachts auf: Mord!“ Wie es sich eben gehört für den „ersten expressionistischen Film“, als der „Das Kabinett des Dr. Caligari“ seitdem gilt – schon in einzelnen stummen Bildern drücken sich alle Emotionen für alle Sinne aus.

Filme sind moving pictures, also Bewegung; aber auch, im Sinne Godards, „24 Mal Wahrheit pro Sekunde“, und ihr kommt man näher, wenn man die Bewegung anhält. Standfotos („stills“ im Englischen) tun dies, auch wenn die Produzenten damit vor allem auf die Werbung zielen. Aus Standfotos wurden dennoch im Lauf der Zeit Sammelobjekte für Fans und Museen. Der Aufschwung begann in den Zwanzigerjahren – mit Filmbildern in Zeitungen, mit Aushangfotos in den Kino-Schaukästen, mit Plakaten an Litfaßsäulen, mit Star-Porträts und Arbeitsfotos. Dabei wurden die anonymen Pressefotografen zunächst als Störenfriede empfunden, später wählten die Studios hierfür Meister ihres Faches. Ein Balanceakt: Immer standen die Fotografen im passenden Winkel mitten im Geschehen, durften aber niemanden von der Arbeit ablenken. Eine andere Möglichkeit war es, die Schauspieler nach einem anstrengenden Drehtag noch einmal um Konzentration und die Beleuchter um das richtige Licht zu bitten.

Für die Ausstellung „Licht und Schatten – Am Filmset der Weimarer Republik“ schöpft das Filmmuseum aus einem reichen Fundus, der auf den Regisseur, Historiker und ersten Leiter der Deutschen Kinemathek, Gerhard Lamprecht, zurückgeht. Sein Nach-Nachfolger Hans Helmut Prinzler, der von 1990 bis 2006 amtierte, hat jetzt die Auswahl zu 65 Filmen aus den Jahren 1918 bis 1933 zusammengestellt. Glitzernde Eissäulen („Der heilige Berg“), Schneelandschaft inmitten von Wolken („Die weiße Hölle vom Piz Palü“), Kraterlandschaft unter Sternen („Die Frau im Mond“), Siegfrieds glühendes Schwert („Die Nibelungen“), die nackte Glühbirne in der Garderobe („Der Blaue Engel“), der Kronleuchter im großbürgerlichen Speisezimmer („Buddenbrooks“) oder auch das leuchtende „M“ auf dem Rücken von Peter Lorre („M“) – all das sind charakteristische Zeichen für den jeweiligen Film. Und sie unterstreichen die frühe Erkenntnis des Kritikers Rudolf Kurtz: „Das Licht hat den expressionistischen Filmen die Seele eingehaucht.“ Am direktesten wirkt es als dramaturgisches Mittel in „Nosferatu“ dergestalt, dass beim Einfall von Tageslicht einer sein Leben aushaucht.

Diese Aussage über das Licht ist nicht so banal, wie sie sich anhört, und sie gilt nicht nur für die Epoche des Expressionismus. Am Anfang brauchte man für seinen Apparat einfach nur „mehr Licht“, um ein möglichst naturgetreues Bild zu schaffen. Dafür sollte die Sonne scheinen, oder man stellte Lampen auf. Mit den technischen Fortschritten gewannen Kamera und Licht, Raum und Bewegung neue Möglichkeiten. Die Art, sie zu nutzen, brachte dem deutschen Film seinen besonderen Rang in der Welt ein.

Ein enthusiastischer Bericht über die Uraufführung von Murnaus „Faust“ ist so von dem Stummfilm beeindruckt, dass ihm sogar Toneffekte und Farbe zugebilligt werden: „Abgründe in dräuender Finsternis. Tiefer und tiefer wird des Himmels Blau ... Kerkerstroh raschelt, Ketten klirren.“ Auch heute noch haben Filmfotos sozusagen akustische Wirkung, indem sie kräftig die Werbetrommel rühren: sie machen Lust auf die Filme. So versteht sich diese Ausstellung auch: als Brücke zur bevorstehenden Berlinale-Retrospektive mit dem Titel „Ästhetik der Schatten. Filmisches Licht 1915–1950“.

Eine große Überraschung bietet die zweite, gleichzeitig eröffnete und ebenso lange laufende Ausstellung, die ihrem Titel nichts schuldig bleibt: „The Unseen Seen – Film im neuen Licht“. Wer denkt, dass alle 35-mm-Filmrollen gleich aussehen, wird darin eines Besseren belehrt. Vor immer gleichgesetztem Licht aufgenommen, werden – je nach Material, Alter, Lagerung – Formen aus Licht und Schatten, Farbfelder, Linien und geometrische Muster deutlich. Rollen mit einem klaren Blau sind der Film „Drei Farben: Blau“, die einzige Rolle in Rosa ist „Stadt der verlorenen Seelen“, und der ist von Rosa von Praunheim. Man weiß nicht, warum; aber den Assoziationen sind keine Grenzen gesetzt: keiner würde nun die Rollen von „Bambi“ und „King Kong“ verwechseln, und die Oberfläche von „Fitzcarraldo“ ist derart von mäandrierenden Linien durchzogen, dass man an Schlangen oder Lianen im Dschungel denken muss. Reiner Riedlers Bilder zeigen die Filmrollen, kreisrund und bunt, als Artefakte in der Phase ihres Verschwindens – eine Erinnerungsarbeit im digitalen Zeitalter. Helmut Merker

Filmmuseum Berlin, bis 27. April. Begleitband „Licht und Schatten“ 29 €.

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