Kultur : Alle Farben dieser Erde

Chiracs Vermächtnis: Mit dem Musée Branly erhält Paris ein Museum der Weltkulturen in Jean Nouvels spektakulärem Neubau

Bernhard Schulz

Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac erlebte noch einmal eine Sternstunde seiner zu Ende gehenden Amtszeit. Politisch zerrieben zwischen den längst entbrannten Nachfolgekämpfen, konnte er bei der Eröffnung des von ihm vor elf Jahren angeregten und seither mit bemerkenswerter Energie verfolgten Musée du quai Branly eine Art politisches Testament ablegen. Das Pariser Museum, nach fünfjähriger Bauzeit von heute an der Öffentlichkeit zugänglich, sollte anfangs den „ersten“ oder „ursprünglichen Künsten“ gewidmet sein, bis man sich, um allen Missdeutungen aus dem Weg zu gehen, bei der Namensgebung schlicht für die Adresse in unmittelbarer Nachbarschaft des Eiffelturms entschied.

Schon wird darüber spekuliert, dass das Museum nach dem Tod seines Anregers dessen Namen tragen könnte, so wie das Centre Pompidou oder die Nationalbibliothek François Mitterrand. Und damit ist auch schon deutlich, dass das Branly-Museum eines jener Großprojekte ist, mit denen sich Frankreichs Präsidenten zu verewigen pflegen – das einzige Chiracs zwar, aber kulturpolitisch das vielleicht weitreichendste.

Die neue Einrichtung, so Chirac in Anwesenheit von Uno-Generalsekretär Kofi Annan, solle ihren Besuchern eine „unverzichtbare humane Botschaft vermitteln“. Denn es geht um nichts weniger als „die Zurückweisung des Ethnozentrismus, jener unsinnigen Anmaßung des Abendlandes, alleiniger Träger der Bestimmung der Menschheit zu sein“. Chirac geißelte die Vorstellung, dass „bestimmte Völker in einem früheren Stadium der menschlichen Entwicklung erstarrt seien, dass ihre als ,primitiv‘ bezeichneten Kulturen keinen anderen Wert besäßen als den des Objekts der Ethnologie oder bestenfalls der Inspiration für abendländische Künstler“.

Und das mitten in Paris, das sich noch immer am liebsten als Welthauptstadt der Kunst betrachtet! Nur so ist vielleicht zu verstehen, was von außen so revolutionär nun auch wieder nicht aussieht. Die bislang der Ethnologie oder, wie im Falle von Paris, dem – nur des Zeitgeists halber nicht mehr so bezeichneten – „Kolonialmuseum“ überlassenen Zeugnisse außereuropäischer und nicht, wie die fernöstlichen, dem Kanon der „Weltkunst“ zugerechneten Kulturen werden endlich als solche gezeigt: als Hervorbringungen menschlicher Schöpfungskraft. Da kann man aus Berlin nur mit besonderem Interesse an die Seine blicken, soll doch an der Spree mit dem „Humboldt-Forum“ ein durchaus vergleichbares Institut des weltkulturellen Dialogs entstehen.

Gut 3500 Objekte werden nun also auf 7000 Quadratmetern eines spektakulären Neubaus am Ufer der Seine gezeigt, geordnet in die vier Himmelsrichtungen der afrikanischen, asiatischen, amerikanischen und ozeanischen Ländereien. Aber was heißt schon geordnet! Denn Frankreichs Star-Architekt Jean Nouvel, der mit dem viel gerühmten Institut du monde arabe bereits ein anderes, der nichtabendländischen Welt gewidmetes Haus in Paris baute, hat sich ein auf Stelzen inmitten eines 18 000 Quadratmeter großen Landschaftsgartens stehendes Haus ausgedacht. Ein nie ganz ebenes, durch geschwungene und in sich gekrümmte, lederbespannte und an Lehm gemahnende „Wände“ aufgeteiltes Raumkontinuum. Getaucht in das Dämmerlicht der in der – wie bei Nouvel üblich einsehbaren – Technikdecke verteilten Spotlights, ergibt sich beim Durchwandern das Gefühl eines allumfassenden kreativen Geistes. Oder um nochmals Chirac zu zitieren: „Ebenso wenig wie es noch länger eine Hierarchie der Künste gibt, so noch eine Hierarchie zwischen den Völkern. Es ist zuallererst diese Überzeugung, die der gleichermaßen gegebenen Würde der Kulturen der Welt, die dem Branly-Museum zugrunde liegt.“

Damit ist zugleich gesagt, warum der Museumsbau auch architektonisch ohne Vorbild dasteht. Gewiss zitiert sich Nouvel an manchen Stellen selbst. Doch das Konzept ist einzigartig. Das immerhin 18 Hektar große Grundstück ist nur zu einem geringen Teil überbaut. Der Landschaftsgarten, zum unablässig dröhnenden Verkehr der Seine-Uferstraße durch eine viele Meter hohe Glaswand abgeschirmt – auch ein Nouvel-Zitat – wird das Gebäude in wenigen Jahren einwachsen und optisch verbergen. Der 61-jährige Nouvel, zuletzt mit dem Erweiterungsbau des Museums Reina Sofia in Madrid hervorgetreten, hat eine 220 Meter lang gestreckte, in der Mitte leicht geknickte Form gewählt, die nur eine einzige Ausstellungsebene mit allerdings drei eingebauten, ringsum offenen Terrassen für Wechselausstellungen enthält. Tief drunten gibt es ein Auditorium, eine Art Amphitheater und nochmals 2000 Quadratmeter Wechselausstellungsfläche. Verwaltung, Bibliothek und Werkstätten sind in drei kleineren Zusatzbauten untergebracht, die das Gelände an die Nachbarschaft aus Haussmannschen Prachtbauten am Marsfeld anschließen.

Auffällig von außen sind die zwei Dutzend Boxen, die nordseitig aus dem Gebäude herausstehen. Sie sind fensterlos und sollen andeuten, dass sie Bedeutendes bergen. Dem ist allerdings nicht immer so; es sind einfach Vitrinen, die nur im Falle einer vollständig mit den Fresken einer äthiopisch-koptischen Kirche ausgekleideten Box ausstellungstechnisch zwingend sind. Aber es sind eben weitere, unterschiedlich gestaltete Abweichungen von einem festen Parcours, die im Gebäudeinneren zu mäandernder Neugier verführen. Überall herrschen Erdfarben, die – dann eben doch –an das Nicht-Europäische, jedenfalls Nicht-Moderne der Museumsobjekte erinnern: Savannengelb vor allem, aber auch erdiges Rot und Meeresblau. Wenn man denn im Halbdunkel unter der tiefschwarzen Decke und den das Tageslicht abschirmenden, nur wenig Licht einlassenden, wiewohl gläsernen Seitenwänden überhaupt etwas sieht.

Das wird noch zu kritischen Situationen führen, insbesondere an der Schwachstelle des Bauwerks: dort nämlich, wo die spiralig aus dem Eingangsbereich heraufführende Rampe just in die Ausstellungsebene mündet, an der alle vier Kulturkreise einander berühren. Da ist der Platz zu eng, und da überwältigt die Orientierungslosigkeit.

Alle gezeigten Objekte sind von eigenem, bezwingenden Reiz. Und zweifellos sind es die absoluten Meisterwerke, die die Kuratoren aus einem Gesamtbestand von 300 000 Objekten gewählt haben. Aber sie machen, für den Laien zumindest, keine Entwicklungen, ja kaum geografische Unterschiede deutlich. Es sind einfach wunderschöne Schnitzfiguren, Totempfähle, Federkleider, Masken und Gefäße, Schmuckstücke und Einbäume und bemalte Bisonhäute.

Ein solches Konzept hatte schon der Vorläufer des Museums verfolgt, der vor sechs Jahren 120 Meisterwerke – allerdings auch aus den fernöstlichen Kulturen, die in Paris mit dem Musée Guimet ein Haus allerersten Ranges besitzen – in einen Pavillon am Ende des Louvres zusammenführte. Damals gab es noch erbitterte Proteste der Eurozentristen. Inzwischen ist dieser Pavillon, auf den der zurzeit gern benutzte Vergleich der „Schönheit einer afrikanischen Maske mit der Mona Lisa“ zutrifft, nicht mehr wegzudenken; er soll auch erhalten bleiben. Aber was im Louvre als klare und von jedwedem didaktischen Zusammenhang freie Exposition des meisterlichen Einzelwerks „an sich“ funktioniert, droht im Dämmer des Nouvel’schen Rätselhauses zum politisch korrekten Einerlei universeller Kreativität zu verknäueln.

Kein Großprojekt ohne große Zahlen: 235 Millionen Euro hat der Bau gekostet, 38 Prozent mehr als die zur Gründung Ende 1998 veranschlagten 167 Millionen. Der Jahresetat des Hauses beträgt, da ist das zentralistische Frankreich niemals kleinlich, 44 Millionen Euro. Davon stehen allerdings nur zwei Millionen zur Schließung der von Fachleuten als erheblich bezeichneten Lücken etwa im mesoamerikanischen Bereich zur Verfügung. So ließ denn Chirac beim zweistündigen Eröffnungsrundgang die Bemerkung fallen, die zahlreich anwesenden Händler und Sammler mögen das ein oder andere stiften oder vererben. Denn Kunst, sagt das Musée du quai Branly, sind menschliche Artefakte allesamt, woher und von wem auch immer sie stammen mögen.

Paris, Quai Branly 51, Di-So 10-18:30 Uhr, Do bis 22 Uhr. Eintritt 8,50 €/6 €.

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