Kultur : Alle gegen einen

Katrin Wittneven

Gelassen sehen die vier anwesenden Künstler aus, kurz scherzen sie auch miteinander - als ginge es nicht um ein Preisgeld von 25 000 Euro und einen ebenso hohen Ankaufsetat. Erst als die Pressekonferenz zur Ausstellung der vier Kandidaten für den diesjährigen Preis der Freunde der Nationalgalerie beginnt, setzen sich die Kandidaten in maximaler Entfernung zueinander und jeder hört für sich den Ausführungen von Joachim Jäger konzentriert zu. Dem neuen Kurator am Hamburger Bahnhof ist die Anspannung der letzten Aufbauwoche anzumerken, obwohl er seine schwierige Aufgabe bravourös gemeistert hat.

Mit Maria Eichhorn, Daniel Richter, Tacita Dean und dem Duo Michael Elmgreen und Ingar Dragset sind durchgehend international erfolgreiche Ausnahmekünstler in die engere Wahl für den Preis gekommen. Es sind sehr professionell arbeitende, aber nahezu unvereinbare Künstlerpersönlichkeiten, die es dazu noch gewohnt sind, auf Großausstellungen in aller Welt ihre Forderungen durchzusetzen. etwa genauer noch: jeder steht für eine völlig andere kunstform (video, malerei, installation etc). Erschwerend kam hinzu, dass nicht wie bei der ersten Ausstellung der shortlist-Kandidaten im Herbst 2000 die große Halle, sondern diesmal lediglich der Werkraum im Seitenflügel des Hamburger Bahnhofs zur Verfügung steht.

Für die Künstler erweist sich der intimere Rahmen, der jedem einen abgeschlossenen Bereich bietet, jedoch als Vorteil. Ihre Ausstellung funktioniert weit besser als die Präsentationen der ersten shortlist-Kandidaten Katharina Grosse, Christian Jankowski, Dirk Skreber und Olafur Eliasson, die jeder auf seine Weise mit ihrem Werk ein Mäuerchen bauten, um in der riesigen Halle nicht unterzugehen. Im Ergebnis sah die Ausstellung seinerzeit recht verloren aus.

Diesmal gibt es eine klare Raumfolge, die mit Gemälden von Daniel Richter bereits im Treppenhaus zum ersten Stock beginnt. Der 1962 geborene Hamburger Maler mit Wohnsitz in Berlin zeigt großformatige Arbeiten. Man erkennt Menschen, die offenbar auf der Flucht in einem Schlauchboot sitzen ("Tarifa")oder nackt vor einer Tankstelle herumhängen, die für Richter wie moderne Kirchen sind ("Fun de Siècle"). In den letzten Jahren hat das Werk Richters, der an der Hamburger Kunsthochschule bei Werner Büttner und Albert Oehlen studiert hat, eine erstaunliche Wendung genommen: Entstanden bis vor kurzem allein abstrakte Gemälde, deren überbordende Materialfülle ein Kritiker einmal treffend mit Baudelaires "Blumen des Bösen" verglich, tauchen auf seinen neuen Bildern verstärkt Figuren auf und die Titel wecken Assoziationen an moderne Historienmalerei. Für den Maler ist der Unterschied gar nicht groß. Sein Werk behandle auf verschiedenen Feldern eine reale Wirklichkeitswahrnehmung, erklärt der Künstler. Ob man etwas dabei erkennen kann oder nicht, sei letztlich nebensächlich. Richter kann sich auf die elektrisierende Wirkung seiner vibrierenden Malerei verlassen. vielleicht noch etwas kritisch anmerken, dass richter sehr selbstbewusst raum für seine monumentalen bilder einfordert...

Um Wahrnehmung geht es auch im nächsten Raum, wo Tacita Dean ihren zwei Minuten kurzen 16-Millimeter-Film "The Green Ray" ("Der grüne Strahl") zeigt. Die 1965 im englischen Canterbury geborene Künstlerin ist Profi, was die Präsentation für Kunstpreise anbelangt, war sie doch bereits 1998 für den englischen Turner Prize nominiert. Gewonnen hat ihn seinerzeit ein anderer, ihrer Karriere hingegen hat das nicht geschadet. Im Jahr 2000 kam sie als Stipendiatin des DAAD nach Berlin, wo sie bis heute einen Wohnsitz hat. Parallel dazu hatte sie Einzelausstellungen in Basel, Toronto, Barcelona oder im letzten Jahr in der Tate Britain in London. Mit ihrer neuen Arbeit greift sie ein naturwissenschaftliches Phänomen auf, dem Eric Rohmer in den achtziger Jahren einen Film widmete: "Das grüne Leuchten." Dieses kurze Aufblitzen nachdem die Sonne vollständig hinter dem Horizont verschwunden ist, musste Rohmer in seinem Film noch simulieren. Tacita Dean hat es mit der Kamera eingefangen. Hat sie wirklich? Der nur Bruchteile einer Sekunde dauernde Moment ist selbst beim konzentrierten Betrachten kaum zu erwischen. hier noch etwas genauer, was die spannung der arbeit ausmacht: dass man als besucher einem mythos nachjagt, von dem man nicht sich sein kann, ob man ihn wirklich wahrnimmt oder nicht...

Die Berliner Künstlerin Maria Eichhorn war zur Pressekonferenz als einzige nicht erschienen. Kurz vor der Documenta ist sie in Kassel mit dem Aufbau ihrer Arbeit beschäftigt. Für die Ausstellung in Berlin hat sie mit ihrer Installation "23 Kurzfilme/23 Filmplakate" eine ältere Arbeit noch einmal überarbeitet und auf den Hamburger Bahnhof übertragen. Bereits 1995 verwandelte sie die Züricher Galerie Walcheturm in einen Kinosaal. Für den Galerieraum, der vor seiner Nutzung als Ausstellungsraum in den fünfziger Jahren als Präsentationsort von Firmen für kurze Werbeclipps genutzt wurde, stellte sie 23 Kurzfilme zusammen, von denen im Hamburger Bahnhof täglich einer um 17 Uhr gezeigt wird. Die Künstlerin setzt ihr strenges Konzept dem einladenden Ambiente, zu dem neben den Kinositzen auch eine Bar gehört, gegenüber. In den bestechend präzisen Arbeiten begegnen sich Fluxus und Konzeptkunst. Ob sie den Etat für ihre Einzelausstellung für die Renovierung der Kunsthalle Bern zur Verfügung stellte oder im Rahmen des Skulpturenprojektes Münster ein Grundstück erwarb - stets reflektiert sie die Bedingungen für Kunst und ihre Rezeption.

Auch für das Künstlerduo Michael Elmgreen und Ingar Dragset aus Skandinavien war die Vorbereitungszeit sehr kurz, schließlich entwickeln sie für Ausstellungen jeweils erst vor Ort raumbezogene Installationen, die oft so aufwändig sind, dass zunächst Sponsoren gefunden werden müssen. Für den Hamburger Bahnhof haben sie die Installation "Temporarily Placed" realisiert: Ganz am Ende des Ausstellungsparcours, mit Blick auf Invalidenstraße und Baustellen, steht ein Krankenbett mit einem angeschlagenen Mann mittleren Alter. Erst auf den zweiten Blick ist er als lebensechte Wachsfigur zu erkennen, die ein Maskenbildner in London mit großer Liebe zum Detail nach dem Modell der Künstler baute. verweis auf duane hanson, cattalan etc?Und obwohl Michael Elmgreen die Installation bescheiden mit "We go small" kommentiert, trifft sie ins Schwarze - behauptet sie doch eine Verwandtschaft von Krankenhaus und Museen. Schon in der Vergangenheit haben die Künstler sich mit dem Betriebssystem Kunst auseinander gesetzt. Zur Eröffnungsausstellung der neuen Räume ihres Galeristen Martin Klosterfelde bauten sie dessen alte Galerie in Originalgröße nach und fanden so ein einprägsames Bild für die rasanten Entwicklungen auf dem Kunstmarkt.

Peter-Klaus Schuster, Angela Schneider und der Münchner Sammlerin Ingvild Goetz ist nun die schwere Aufgabe vorbehalten, aus den vier Kandidanten einen Preisträger auszuwählen. ab hier noch mal deutlicher, warum es so schwer ist, aus vier gleichrangigen, aber völlig konträren arbeiten einen auszuwählen. fazit: alle sind schon prämiert.

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