Kultur : "Alle Kategorien geraten ins Rutschen"

TAGESSPIEGEL: Stefan Otteni, Sie gehören bald zu den jüngsten Theaterleitern Berlins.Wollen Sie in den Kammerspielen des Deutschen Theaters auch junges Theater machen?



OTTENI: Mir geht das Getue um die Jungregisseure ziemlich auf den Geist.Ich mußte mal einem Freund schwören, daß ich nie ein "junger Regisseur" werde, einer von denen, die großkotzig das ganze Theater verändern oder nur noch Witze an der Rampe reißen wollen."Jung" ist eine hinfällige Kategorie.Wir, die drei Neuen an der Kammer, sind verhältnismäßig jung, inszenieren aber auch alte Stoffe, arbeiten mit jungen und mit alten Schauspielern.Wir sind also so jung oder alt, wie das Feuilleton uns macht.



TAGESSPIEGEL: Haben Sie sich sonst schon auf ein Programm geeinigt?



OTTENI: Der rote Faden wird bei uns nicht durch Dramaturgie, sondern durch Personen geschaffen, durch Schauspielerpersönlichkeiten und ihre Rollenbiographien während einer Spielzeit.Ausstattungsorgien und Bildertheater soll es bei uns nicht geben.Dafür Theater, das sich Zeit läßt und versucht, die Leute direkt anzusprechen.



TAGESSPIEGEL: Wie soll das passieren?



OTTENI: Wir werden uns vor allem bei den Gegenwartsstücken - so mißverständlich das auch klingen mag - um einen deutschen Ton bemühen.Martin Baucks und Moritz Rinke sind ja in ihren Stücken schon weit in diese Richtung gegangen.Es kann doch nicht sein, daß - sobald es um soziale Realität auf der Bühne geht - immer die Engländer ran müssen, daß Junkies, Arbeitslose und Fabrikbesitzer nur in übersetzter Form genießbar sind.Bei meinen eigenen Regiearbeiten habe ich bisher immer versucht, die Situation der Stadt, in der das Theater steht, in die Inszenierung mit einzubeziehen.Wenn ich merke, daß es im Ensemble Experten für bestimmte Themen eines Stückes gibt, lasse ich ihnen Freiraum.Ich glaube, daß ein Abend präziser und schmerzhafter wird, wenn der Schauspieler seine eigene Geschichte erzählen kann.



TAGESSPIEGEL: "Geschichten erzählen" war schon das Credo von Thomas Ostermeier, Ihrem Quasi-Vorgänger am Deutschen Theater und - als Schaubühnen-Chef - baldigen Konkurrenten.



OTTENI: Eigentlich machen wir grundverschiedene Dinge.Ostermeier hat sich in den letzten zwei Jahren sehr festgelegt.Er war offenbar in einer Phase, in der er schnelle, schmutzige Stücke machen wollte.Die Kritiker verstanden das als sein Credo, seinen Spielplan.Bei mir gab es auch eine Zeit, in der ich mich nur noch für Gegenwartstheater interessierte.Allerdings ergab es sich, daß meine Arbeiten an verschiedenen Häusern stattfanden.Wenn ich sie an einem Haus gemacht hätte, hätten die Kritiker sicher auch so etwas wie ein Konzept hineininterpretiert.



TAGESSPIEGEL: Neben Ihrem Team wird auch die neue Führungsspitze der Schaubühne ein Trio sein.Traut man jungen Theatermachern wie Ostermeier oder Ihnen nicht zu, eine Bühne alleine zu leiten?



OTTENI: Ich wollte es nicht alleine machen.Ich bin Regisseur und habe keine Lust, den ganzen Tag mit Politikern über Finanzen zu verhandeln.Außerdem mag ich die monolithische Art nicht, wie Theater sonst geführt werden.Theater ist eine Kollektivarbeit - dieser Gedanke schlägt sich jetzt auch in der Formation der Leitung nieder.In der Kammer treffen drei Leute aufeinander, die jeweils eine sehr ausgeprägte Linie haben.Die strukturelle Arbeit wird auf drei verteilt, so können wir alle auch Künstler bleiben.Martin Baucks möchte nicht nur Leporello-Texte, sondern auch neue Stücke schreiben.Christina Paulhofer und ich wollen vor allem auf der Probebühne zu sehen sein.



TAGESSPIEGEL: Sind Sie "primus inter pares"?

OTTENI: Es kann passieren, daß ich von der Öffentlichkeit als Sprecher der Kammer gesehen werde.Untereinander werden wir aber versuchen, eine Hierachie nicht aufkommen zu lassen.Wenn wir uns nicht einig sind, sagen wir uns gegenseitig: Wenn du an diesen Regisseur oder dieses Stück wirklich glaubst, dann probieren wir das aus.In dieser Beziehung mangelt es uns allen dreien - Gott sei Dank - an Ehrgeiz.

TAGESSPIEGEL: Bekommen Sie von Thomas Langhoff die Freiheiten, die Sie sich und Ihrem Team einräumen?

OTTENI: Es gibt in Deutschland keinen anderen Intendanten, der uns so viel Vertrauen geben würde.Langhoff ist da schon sehr mutig.Als sein Vertrag von Radunski über 2001 hinaus nicht verlängert wurde, kamen wir mit Langhoff überein, die Übergangsspielzeit, die für die Kammer geplant war, einfach zu kappen.Jetzt wird in einem erstaunlichen Tempo, das ich dem Deutschen Theater anfangs nicht zugetraut hatte, der Umbau der Kammer und die Neugestaltung des Spielplans vorangetrieben - so, daß wir nun zwei volle Jahre bekommen.In dieser Zeit werden wir alles tun, unser Theater gegenüber den Radunskis von Berlin zu verteidigen: Mit uns ist keine Eventkultur zu machen.Wir brauchen wieder eine Langsamkeit, Genauigkeit und Verschrobenheit, die nicht nach anderen Medien schielt.

TAGESSPIEGEL: Langsamkeit, Geschichten erzählen, Schauspielertheater.Das klingt nicht sonderlich originell.

OTTENI: Mich ödet es an, daß Theater immer nur nach ästhetischen Maßstäben beurteilt wird, nie nach inhaltlichen.Man muß einfacher arbeiten, muß mit Durchlässigkeit beim Schauspieler erreichen, daß der Zuschauer auf dessen Darstellung direkt reagiert.Daß er nicht denkt: "Toll gespielt?", sondern: "Warum küßt die denn den jetzt?" Ich möchte die Zuschauer wenigstens für einen Moment neidisch machen auf das Glück, das die Figuren auf der Bühne erleben.

TAGESSPIEGEL: Oho!

OTTENI: Also, ich selber kann wochenlang unglücklich und verzweifelt sein - eine Minute Glück fegt das weg.Klar, man begibt sich mit dieser Position in gefährliche Bereiche, die sonst nur Hollywood besetzt hält.Selbst wenn - wie in dem Film "Titanic" - alle auf Eisschollen klebend dem Tod entgegenrasen, soll man denken: "Klasse, das ist die Liebe!" Dabei ist das mit dem Glück viel komplizierter.Unser Hausautor Baucks schreibt in seinem Stück "Sieben aus Theben": "Man muß sich seine Unschuld jeden Tag wieder neu herstellen." Mit dem Glück ist das genauso.

TAGESSPIEGEL: Was ist Glück?

OTTENI: Glück ist, wenn man sich selbst anschauen kann, ohne zu erschrecken.Viele Leute wollen gar nicht alles von sich wissen.Es ist wohl Aufgabe von uns Theatermachern, ans Licht zu zerren, was im Menschen so alles vorgeht.Glück - nicht im Sinne von Blümchenglück - ist manchmal das Eingestehen der blutigsten Phantasien.Das kann sehr schmerzhaft sein.

TAGESSPIEGEL: Mit welchen Schausspielern wagen Sie sich an das neue Glück?

OTTENI: Mit denen des Deutschen Theaters.Es wird aber auch neue Schauspieler geben.Ostermeier nimmt ja ein paar Leute an die Schaubühne mit.Die Neuengagements werden so aussehen, daß sowohl Langhoff, als auch wir damit leben können.Wir liegen in unseren Vorstellung aber gar nicht so weit auseinander.Das Ensenble wird nicht aufgestockt, der alte Stamm bleibt, Gäste nur wenn nötig.Ich betreibe liebend gerne zwei Spielzeiten mit einem Ensemble, das solche Leute wie Hartung, Grashof, Brattia und Hoss vereinigt, da muß man nichts im großen Stil umkrempeln.

TAGESSPIEGEL: Wo sehen Sie sich im Spannungsfeld der Berliner Theater-Titanen? Sie kommen als Wessi an ein Ost-Theater.Ostermeier, der Held der Baracke, übernimmt die Schaubühne und Peymann das Berliner Ensemble.

OTTENI: Ja, herrlich, alle Kategorien geraten ins Rutschen in Berlin.Ich glaube nicht, daß wir uns in der Arbeit direkt auf die anderen Theater beziehen müssen - der Zuschauer bildet ohnehin seine eigenen Verbindungslinien.Ich muß nicht auf die Peymann-Inszenierung eines Handke-Stückes reagieren, in dem dieser wahrscheinlich wieder Serbien verherrlicht.Wir werden auch ein Stück aus Serbien machen: nicht als Reaktion, sondern weil es gut ist, weil es an so vielen Orten Europas spielen könnte.In den "Familiengeschichten.Belgrad" von Biljana Srbljanovic spielen Kinder ihre Eltern nach, die sich gegenseitig zu Tode prügeln.Ein hartes Stück.Vielleicht eines ohne Glück.

TAGESSPIEGEL: Welches Publikum wünschen Sie sich?

OTTENI: Eine schwere Frage.Ich will Zuschauer, die nicht von vornherein glauben, daß ich sie provozieren möchte.Im übrigen will das ohnehin kein einziger Theatermensch, es gibt höchtens welche, - zum Beispiel Sarah Kane - die unter etwas leiden und das mehr oder weniger grell herausschreien.Ich will Zuschauer, die auch im letzten Akt noch bereit sind, ihre Sympathien neu zu verteilen.Mir ist an Figuren gelegen, bei denen man sich ständig neu entscheiden muß.Theater soll genauso kompliziert sein wie das Leben, weil sonst lebe ich doch lieber nur und sitze nicht den ganzen Tag in dunklen Räumen herum!

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