Kultur : Alle Katzen

Eine „Grau“-Ausstellung im Mies-van-der-Rohe-Haus.

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Durchsichtig, licht und heiter – wer Grau mit Regenwolken und Winternebel verbindet, erlebt im Mies-van-der-Rohe- Haus eine Überraschung. „Hauptsache Grau“ heißt die Ausstellungsreihe in der ehemaligen Villa Lemke in Weißensee. In der letzten Folge beschäftigt sich Wita Noack, die Leiterin des Hauses, mit Grau als Konzept. Der Zwischenton entzieht sich jeder Festlegung. Selbst Josef Albers, der die Farben in seiner Hommage ans Quadrat durchdeklinierte, erfasst es nicht. Im schwerelosen Rahmen in Hellgrau eröffnen sich wie Fenster blau- und lichtgraue Quadrate. Der lebhafte Pinselstrich lässt die Farbfläche durchschimmernd erscheinen wie Milchglas. „Opalescent“ nennt sich dieser Blick durch die Materie, das Bild entstand 1965 kurz vor Albers Tod. Im Zusammenspiel mit der Architektur wirkt die Auflösung der dinglichen Welt in transparente Schwerelosigkeit wie ein Weg in die absolute Freiheit.

Die Ausstellung reinigt die Sinne und lehrt Feinheiten zu sehen. Zwar gilt Grau als Farbton von Sachlichkeit, Intellekt und Understatement. Aber an die Unfarbe knüpfen sich auch Leidenschaften. Der US-Künstler James Howell widmet sein Leben dem Grau, selbst seine Katze soll grau sein, nicht nur bei Nacht. Howell verdunkelt das Grau von einem Bildrand zum anderen in so feinen Schattierungen, dass sich das Auge lange in die Fläche versenken muss, um alle Nuancen wahrzunehmen.

Im 16. Jahrhundert war der japanische Teemeister Rikyu sogar bereit, für sein ästhetisches Konzept zu sterben. Für ihn manifestierte sich im Grau die Idee alltäglicher Schlichtheit. Als sein Feldherr farbigen Prunk verlangte, beging Rikyu Harakiri. Sibylle Wagner widmet dem Rikyu-Grau eine Installation, bei der sich vor einem Kreis auf der Wand eine Plexiglaslinse bewegt, die Licht und Schatten wirft. Die Arbeit spielt mit der Ambivalenz von Grau. Denn auch wenn das Wort gemeinhin mit trüber Stimmung in Verbindung gebracht wird, war es ursprünglich gleichbedeutend mit strahlend und schimmernd. Grau lässt der Wahrnehmung alle Möglichkeiten offen. Nur eines verweigert die Ausstellung: Schwarz- Weiß-Malerei. Simone Reber

Mies-van-der-Rohe-Haus, Oberseestr. 60, bis 2. 2. 2014, Di bis So, 11–17 Uhr.

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