Kultur : Alle Künste, alle Sinne

Berlins Blütezeit: Paul Cassirer, der Kunsthändler als Verleger – eine Ausstellung im Liebermann-Haus

Bernhard Schulz

Ein mächtiger Schädel auf eher gedrungenem Körper, in jeder Faser gespannte Aktivität: So haben ihn Fotos überliefert, ein Gemälde von Leopold von Kalckreuth, schließlich auch die Totenmaske, die Georg Kolbe ihm abnahm und die so lebensnah scheint, als habe der Verstorbene, der im Januar 1926 seinem Leben ein Ende machte, nur eben einmal ausruhen wollen. Paul Cassirer, geboren 1871 in Breslau, Kunsthändler und Verleger, eine der prägenden Gestalten des Berliner Kulturlebens vom Wilhelminismus bis weit in die Weimarer Republik hinein, ist heute nicht mehr präsent. Und noch weniger präsent scheint die Fülle der zeitgenössischen Talente und Neigungen, die sich nicht allein in ihm, sondern in der ganzen Gesellschaft vereinigten, die er um sich versammelte: der wilde Kokoschka, der zerrissene Ludwig Meidner, der schwerblütige Ernst Barlach. Über ihnen leuchten Cassirer’sche Leitgestirne wie Mozart und Goethe.Und selbstverständlich der Grandseigneur Max Liebermann.

In dessen Haus findet die Ausstellung statt, die die Stiftung Brandenburger Tor ausrichtet. Wenn er bei Liebermann sei, bekannte einst Thomas Mann, fühle er sich „im Brenn- und Sammelpunkt erheiternder und mächtiger Charakterkräfte“. Genauso darf man Cassirer sehen. Die beiden Ausstellungsetagen im Haus sind nicht übermäßig groß, und doch gehen dem Betrachter die Augen über angesichts der mehr als 300 Gemälde, Zeichnungen, Bücher, der Vorzeichnungen, Briefe und Dokumente, die Rahel Feilchenfeldt – Schwiegertochter des späten Cassirer-Kompagnons Walter Feilchenfeldt sen. – aus ihrer eigenen Sammlung, aber ebenso aus ersten Museumsadressen zusammengestellt hat.

Lediglich 200 Titel sind im Verlag Paul Cassirers erschienen, den mit demjenigen seines Vetters Bruno nicht zu verwechseln sich Paul sogar auf Geschäftsschildern erbat. 1908 hat er ihn gegründet, um die anspruchsvolle „Pan-Presse“ herum. Vertragsgemäß waren sieben Jahre seit der geschäftsmäßigen Trennung von Bruno verstrichen, mit dem er anfangs Kunsthandel und Verlag gemeinsam betrieben hatte. 1908 war nebenbei das Hoch-Jahr der deutschen Verlagsproduktion vor dem Weltkrieg. Von Hause aus wohlhabend, konnte Cassirer nicht nur Verluste wegstecken, neben denen allerdings auch glänzende Erfolge stehen, sondern vor allem seinen Autoren ein mäzenatischer Freund sein. Ernst Bloch beispielsweise, dessen „Geist der Utopie“ er 1923 herausbrachte, erhielt anstelle eines Honorars ein Häuschen in Zehlendorf, um in Ruhe denken zu können. Heinrich Mann, dessen befehdete Werke er unverdrossen verlegte, oder die unglückliche – und im Unglück selbst ihm gegenüber ungerechte – Lasker-Schüler zählten zu seinen Schützlingen. Max Beckmann, den er im Ersten Weltkrieg an der Front traf, nachdem er ihn bereits 1909 mit einem Auftrag bedacht hatte, erhielt bei Cassirer seine überhaupt erste Monografie, in der Reihe „Künstler unserer Zeit“ als Band 1.

So ließe sich endlos fortwandern in dem kulturgeschichtlichen Panorama, das die Ausstellung ausrollt, mit immer neuen Überraschungen und Höhepunkten. Der ausgreifenden Interessen ihres Protagonisten wegen ist die Ausstellung im Liebermann-Haus in der Pflicht, alle Gattungen vom Buchdruck über die Malerei bis zur Musik zu vereinen und aufeinander zu beziehen. Das gelingt durchweg vorzüglich. Da ist zum Beispiel der „Krämerspiegel“, zwölf Lieder, die der über seinen Musikverlag erboste Richard Strauss auf Schmähgedichte des Kritikers Alfred Kerr komponierte (op. 66) und die Cassirer sogleich in einer anspruchsvollen Mappe herausgab.Und über der Vitrine glänzen Bildnisse Kerrs von Lovis Corinth und Strauss’ vom Hausgenius Liebermann höchstselbst. Oder Mozarts „Zauberflöte“, die Cassirer nach dem in der Preußischen Staatsbibliothek bewahrten Autografen von Max Slevogt illustrieren ließ und als eine seiner anspruchsvollen Mappen herausgab.Darüber glänzt der Slevogt’sche „Zauberflötenfries“ von 1917, den die Stiftung Brandenburger Tor eigens restaurieren ließ. Ein Fest der Sinne. Ein Fest der Künste.

„Wir planen in jedem Frühjahr ein Fest der Künste“, hatte Paul Cassirer 1911 frohlockt und dabei die Schauspielkunst nicht vergessen, war er doch seit 1910 mit der Diva Tilla Durieux verheiratet (deretwegen er sich angesichts der drohenden Scheidung 1926 erschoss). So gibt es eine Durieux-Abteilung in der Ausstellung, mit Franz von Stucks wohlberechnet dämonischem Porträt. Übers Eck dann eine ganze Wand mit dem farbstrotzenden Lovis Corinth. Auch er war lange ein treuer Weggefährte Cassirers, wie überhaupt dessen Beziehungen über das Verlagsgeschäft stets hinausreichten.

Beides suchte er zu verbinden, den Kunsthandel und die aus diesem über die Jahre gesehen stets subventionierte Verlegerei. Wo es ihm am schönsten glückte, weist die Ausstellung eine schmerzliche Fehlstelle auf: Über der Vitrine mit der zweibändigen Briefausgabe Vincent van Goghs von 1914, um die Cassirer jahrelang mit den Nachfahren ringen musste, fehlt eines, wenigstens eines der Van- Gogh-Gemälde, die er im gleichen Jahr zeigte – in einer Galerieausstellung, wie sie heute nicht den größten Museen der Welt möglich wäre. All das ging einmal durch seine Hände, die Cézannes bereits 1902, Manet mit 37 Gemälden 1910!

Doch im Liebermann-Haus steht der Verlag im Mittelpunkt. Zunächst tritt der Besucher virtuell ins Lesezimmer des „Kunstsalons Bruno & Paul Cassirer“ ein, in dessen Gründungsjahr 1898 gestaltet vom Jugendstil-Giganten Henry van de Velde. Dessen originaler Leuchter erhellt eine der eleganten neuen Ausstellungsvitrinen, die ein Sammelsurium birgt an Einladungskarten für die Ausstellungen in der Victoriastraße nahe dem Potsdamer Platz. Sie liegt heute unter dem Kulturforum verschüttet, wie der ganze geistes- und gesellschaftsgeschichtliche Kosmos des „Alten Westens“ verschütt ging, den Cassirer repräsentiert. Ja, er war Jude, auch den Talmud hat er in einer Neuausgabe verlegt. Mit der Machtübernahme der Nazis ging die Galerie unter den verbliebenen Geschäftspartnern ins Exil und der Verlag ganz unter. Das jüdische Berliner Bürgertum ging unter und mit ihm jene großbürgerliche Selbstverständlichkeit des Gebildetseins, das aus jeder Ausgabe des Cassirer’schen Verlages spricht. Auch dann, wenn er – nach dem Weltkrieg und seiner anfänglichen Kriegsbegeisterung samt Zeitschrift „Kriegszeit“ – Gustav Landauers „Aufruf zum Sozialismus“ herausbringt. Zugleich, es ist kein Widerspruch, ermöglichte er Else Lasker-Schüler eine zehnbändige, von ihr selbst gestaltete Werkausgabe. Im Obergeschoss dann zieht Oskar Kokoschkas Ansicht vom Pariser Platz den Blick auf sich, gemalt aus einem Zimmer des „Adlon“ – der letzte Auftrag Paul Cassirers 1925.

„Zum Sehen geboren / Zum Schauen bestellt“ – das Goethe-Zitat schmückt das von Georg Kolbe gestaltete Grab auf dem Friedhof Heerstraße. Goethes Gedichte hatte Paul in vier Künstlermappen verlegt, eine gestaltet von Max Liebermann. Derart sind die Verbindungslinien, von denen die Ausstellung überreich durchzogen ist: Berlin, das geistige Berlin, wie es einmal war, in schwierigen, aufwühlenden und immer wieder geglückten Tagen.

Max Liebermann Haus, Pariser Platz 7, bis 21. Mai. Mo/Mi/Fr 10-18, Do 10-20, Sa/So 11-18 Uhr. Begleitbuch im C. H. Beck Verlag, 423 S., in Ausst. u. Buchhandel 29,90 €.

„Napoleon des Kunsthandels“ nannte ihn sein Freund und Galerist Max Liebermann zum 50. Geburtstag:

Paul Cassirer (1871–1926), hier

in einer (seltenen)

Aufnahme um 1920

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