Kultur : Alle Künstler fliegen hoch

Reisen als Daseinsform: eine Ausstellung in der NGBK und im Kunstraum Kreuzberg

Claudia Wahjudi

Daheim sind Künstler kaum noch. Als Pioniere des flexiblen Arbeitens fliegen sie von einer Ausstellung zur nächsten, vom einen Projekt zum nächsten. Zum Beispiel zu Vorträgen der zweijährigen Reihe „Transient Spaces – The Tourist Syndrom“, die nach Stationen in Italien, Litauen und Rumänien jetzt in Berlin in der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst sowie im Kunstraum Kreuzberg endet. An dem Projekt nehmen 25 internationale Künstler teil, die sich seit einem halben Jahr nicht mehr an einem festen Wohnort aufgehalten haben. Es geht um Mobilität, Migration und Tourismus – so die Themen der Reihe.

Alex Auriema fertigte in wochenlanger Handarbeit gemeinsam mit einem senegalesischen Straßenverkäufer aus Neapel Fälschungen jener ohnehin gefälschten Designer-Taschen an, wie sie auf italienischen Trottoirs angeboten werden. Thomas Kilpper aus Berlin wirbt seit Jahren für den Leuchtturm, den er auf Lampedusa bauen will, um Bootsflüchtlingen mit Kurs auf die Urlauberinsel die gefährliche Passage über das Mittelmeer zu erleichtern. Touristen und Migranten sind sich manchmal auch gedanklich nahe. Die Durchquerung der Sahara sei die „beste Reise“ seines Lebens gewesen, sagt ein Flüchtling in den Videos von Carsten Does und Gerda Heck. Die Wüste musste er zu Fuß bewältigen.

Von vielen interessanten Aktionen bleiben leider oft nur lasche Relikte, eine Kombination aus Fotos, Texten und Videos. Der Einsatz dieser Medien überzeugt jedoch in jenen Arbeiten, die als Alternativen zu journalistischen Berichten gedacht sind – mäandernd erzählt statt zugespitzt, multiperspektivisch statt auktorial. So hat die Schweizer Künstlerin Ursula Biemann mit Fotoplakaten und Filmen einen Saal in eine begehbare Künstlerreportage verwandelt. Ihr Thema: Orte in der Subsahara, in denen die Massenauswanderung Richtung Europa neue Läden, Märkte und Unterkünfte hervorgebracht hat.

„Transient Spaces“, zu deutsch: flüchtige Räume. Ihren eigenen Wanderungen schenken die Teilnehmer allerdings wenig Aufmerksamkeit. Am deutlichsten noch thematisiert sie Plinio Avila Marquez, der während all seiner Flüge auf den Bordkarten Gedanken und den Blick aus dem Fenster skizziert. Das sieht hübsch aus, birgt aber kaum Erkenntnisgewinn. Manchmal machen sich die Künstler, diese umherschweifenden Produzenten, auch vor sich selbst aus dem Staub. Claudia Wahjudi

NGBK, Oranienstr. 25, bis 10. 10., täglich 12 - 19 Uhr, Sa bis 20 Uhr. Kunstraum Kreuzberg, Mariannenplatz 2, bis 10. 10., täglich 12 - 19 Uhr.

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