Kultur : Alle lieben Almodóvar

Hollywood am Tiber? Nein, ein starker Jahrgang ganz ohne Amerika-Anleihen: zur Europäischen Filmpreis-Gala in Rom

Jan Schulz-Ojala

Vielleicht sollten die Europäer ihren Kontinentalfilmpreis immer in Rom vergeben. Die italienischen Zeitungen stiegen am Sonntag ziemlich groß ein auf „eine Sternennacht, wie sie Rom noch nie gesehen hat“ (Il Giorno), einen Abend, an dem es Stars geradezu „regnete“ im Teatro dell’Opera (Il Tempo). Und „La Stampa“ ließ, stellvertretend für das Staunen römischer Vorweihnachtseinkäufer, einen Passanten zum Äußersten greifen: „Sollte Hollywood am Tiber gelandet sein?“

Nein, Hollywood gerade nicht. Nur die Crème de la Crème des europäischen Kinos, von Pedro Almodóvar bis Ken Loach, von Jeanne Moreau bis Sergio Castellitto, von Victoria Abril bis Mike Leigh, und aus Deutschland waren neben vielen anderen Wim Wenders, Moritz Bleibtreu und Heike Makatsch zugegen. 1500 Mitglieder hat die 1988 gegründete European Film Academy (EFA) mittlerweile, die ihre Ehrenprämien alle zwei Jahre an ihrem Stammsitz Berlin und zwischendurch in anderen nicht minder schönen europäischen Hauptstädten vergibt – zuletzt in London und Paris, wo die örtlichen Medien sich eher gleichgültig zeigten. Nun eben in Rom: Glaubt man den Schlagzeilen, wurden hier am Wochenende nichts Geringeres und nichts Sebstverständlicheres als die europäischen Oscars vergeben.

Oscars, Hollywood: Vom Glamour her mag man, wenn man ein Auge zudrückt, diesmal dicht dran gewesen sein an den Stereotypen des großen Kino-Bruders, aber das ist vielleicht gar nicht so wichtig. Denn in Sachen Kreativkraft ist das europäische Kino dieses Jahr Lichtjahre von den Amerikanern entfernt – ja, das Selbstverständnis der jeweiligen Filmindustrien konturiert sich so kontrastreich, wie die beiden Kontinente derzeit auch politisch auseinander zu driften drohen. Amerika hat sich, von Ausnahmen abgesehen, auf die Fließband-Produktion kinematografischer Big Macs beschränkt – und das Kino, wie Ken Loach in Rom sarkastisch anmerkte, in eine gigantische Fastfoodhalle verwandelt, in der man nur noch „Popcorn kauend Geräusche macht“. Europa dagegen glänzt mit großartigen Filmen.

Darf man also flugs einen Paradigmenwechsel ausrufen – nur weil nun sogar „Variety“, das Zentralorgan der US-Branchenblätter, gleich mehrere Seiten dem Europäischen Filmpreis und all seinen strong contenders widmet, von Kaurismäki über Polanski bis Almodóvar? Wer’s mag. Vielleicht stellen die Amerikaner auch nur verblüfft fest, dass man mit künstlerisch richtig guten Filmen richtig gutes Geld verdienen kann – zumindest auf dem großen europäischen Markt.

Die beiden diesjährigen Cannes-Gewinner – Roman Polanskis „Pianist“, die bewegende Odyssee des jüdischen Musikers Wladislaw Szpilman durch das Warschau des Zweiten Weltkriegs, und Aki Kaurismäkis „Mann ohne Vergangenheit“, ein Meisterwerk über das wundersam geschenkte zweite Leben eines Schweißers in den Armutszonen Helsinkis – sind in gleich mehreren europäischen Ländern erfolgreich angelaufen. Und Pedro Almodóvar hat, mit seinen längst ins Sanfte gewendeten und doch noch immer bizarren Filmen, längst eine weltweite Fangemeinde.

So gesehen, ist es vielleicht ausgleichende Gerechtigkeit, dass Almodóvars „Sprich mit ihr“, bisher noch nicht bedacht in der ersten Liga der Film-Statuetten, beim Europäischen Filmpreis abgeräumt hat, als hätte neben ihm nichts Nennenswertes zur Wahl gestanden. Der Zuschauer und auch Almodóvar selbst wissen es besser. Er sagte jenseits aller Floskeln, jeder seiner Konkurrenten hätte den Preis so verdient wie er. Aber was soll man machen, wenn er es den Leuten so leicht macht, ihn und seine Filme zu lieben? Und so gaben ihm die Akademiemitglieder nicht nur den Preis für den besten Film, sondern auch den für Regie und Drehbuch – gerade so wie das europäische Publikum, das in einer Abstimmung in Filmmagazinen und via Internet „Sprich mit ihr“ ebenfalls mit zwei von drei Preisen beschenkte. Aki Kaurismäki dagegen, mit Nominierungen in allen sechs Hauptkategorien der größte Favorit, wird sich künftig mit seinem fernen Kollegen Steven Spielberg vergleichen lassen müssen: Dessen „Die Farbe Lila“ war 1986 bei den Oscars elfmal nominiert und ist dann beim Endvotum komplett durchgefallen – der größte Flop in der Oscar-Geschichte.

Und die Zeremonie selbst? Im ganz Kleingedruckten hatten sogar die römischen Sonntagszeitungen das Prädikat „langweilig“ versteckt, also das glatte Gegenteil jener Oscar-Nächte, in denen die Weltfilmgemeinde live und gemeinsam mit den nominierten Stars dem Öffnen der Briefumschläge entgegenfiebert. Mild gestimmt, wird man den Abend im Teatro dell’Opera als überwiegend ernsthaft und durch und durch erwachsen bezeichnen – gerade so erwachsen wie das europäische Kino selbst. Und wer selbst erwachsen ist, liebt es eben wegen seiner Ernsthaftigkeit, seiner großen Stoffe und großen Regisseure, die immer seine eigentlichen Stars waren und es gerade in diesem Jahr wieder auf sehr beeindruckende Weise sind.

Kinderlieb, also amerikafreundlich, kann man dann ja immer noch sein.

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