Kultur : Alle Lust will Ehrlichkeit

Königliche Exzentrikerin: Jessye Norman gastiert in Berlin

Christine Lemke-Matwey

Matchpoint Carmenzita. Nach fast zwei Stunden. Die Philharmonie als finsteres Loch, als Kaschemme, Spelunke, der Boden noch heiß vom letzten zügellosen Tanz, die Wände durchtränkt von Blut, Schweiß, Tränen, Staub. Alle Lust schiebt hier bloß eine kleine schäbige Nummer. Der Realismus von „U-Carmen eKhayelitsha“, dem Berlinale-Überraschungssieger von 2005, der Bizets „afrikanische Heiterkeit“ (Nietzsche) in die Wellblechhütten eines Townships verlegte, ist nichts dagegen. Vorne nämlich, an der Bar, im gähnenden Flügelrund lehnt die Diva. Eine schwarze Madonna. Lasziv. Gelangweilt. Ätzend erotisch.

„L‘amour“ gurrt sie, und schon meint man rechts und links in Block B die Körpersäfte sprudeln zu hören; „L‘amour“ kreischt sie und reckt den Hals wie zum finalen Vampirbiss, als sei ein gespielter Orgasmus der größte weibliche Triumph auf Erden. L‘amour est un oiseau rebelle, ja, die Liebe hat bunte Flügel. Zwischen fest zusammengebissenen (und nach wie vor blendaxblitzweißen) Zähnen presst Jessye Norman dieses Credo in Habanera-Form hervor, als sänge sie auf und mit angehaltenem Atem – um ein Stück innere Lebenswut zu bezähmen, ein längst erkaltetes Begehren neu zu entfachen. Noch einmal, das letzte Mal.

Norman – mit wallender Mähne und, wie jüngst bei Gottschalk, in pulsierendes Rot gewickelt – scheut nichts. Das Hundsordinäre, Dreckig-Freche, ja Plärrige, die unverstellte Anmache eines mit fleckigen Backen lauschenden Saals, all dies kostet sie aus. Schamlos fast, hart an der Grenze zur Parodie. Eine Rose aus dem längst sich biegenden Fanblumenberg muss dran glauben, wird zähnefletschend gerupft (ihr liebt mich, ihr liebt mich nicht), fliegt schließlich quer übers Podium.

Ihre ohnehin brustigen, rauchig-bauchigen Soprantiefen scheinen der Region knapp unterhalb des Bauchnabels zu entstammen, die Sprache perlt wie Quellwasser von den Lippen. Bizet reden, Carmen, der Grässlichen, aufs Maul schauen. Großartig. Vier Minuten, in denen man einmal nicht über Jessye Norman nachdenkt und darüber, dass auch Stimmbänder nur Muskelchen sind und also den normal-physischen Verfallsprozessen unterworfen; vier Minuten, die nicht melancholisch stimmen, weil mit dem Abgang der Norman – der sich zwischen Salzburg und Paris seit rund zehn Jahren ankündigt, nicht nur eine Künstlerpersönlichkeit für die Öffentlichkeit erlischt und eine königliche Exzentrikerin, sondern ein ganzer Bühnenmenschenschlag. Lexika und Biografen streiten darüber, ob Norman bereits 60 ist oder doch erst 55: Sie bleibt, unbestritten, die Cousine der Drei Tenöre – und, ob sie will oder nicht, auch die Patentante von Netrebko &Co. Mit einem gewaltigen Unterschied. Bis heute mag Norman sich so fotogen und sexy präsentieren wie Naomi Campbell. Über ihr Privatleben aber hat man seit 1968 – als sie in München den ARD-Wettbewerb gewann und von der Deutschen Oper Berlin aus in die Umlaufbahn einer Welt-Karriere geschossen wurde – konsequent nichts erfahren. Wie wohltuend das ist, vor allem: welche Demut es vor der Kunst signalisiert, das begreift mancher reuig wohl erst jetzt.

Plötzlich also, mit Bizet, besitzen ihre Legati wieder Spannkraft, stimmt die Intonation, gewinnt die Phrasierung dramatischen Sinn und Verstand. Gebt mir mehr schillernde Kostüme, Rollen, Masken, in die ich mich hineinverkriechen kann, scheint Jessye Norman zu sagen, als sie die Ovationen des Publikums nach dieser zweiten Zugabe entgegennimmt. Denn Mimikry macht frei. Ichsagen hingegen, das singende Entblößen der diversen Lebensaltersringe und Seelenscharten tut nicht nur weh, sondern erforderte einen geradezu titanischen Sprung über den eigenen All-Star-Schatten, um vor sich und der Welt ehrlich zu sein. Ein Zyklus wie Gustav Mahlers „Lieder eines fahrenden Gesellen“ – aberwitzigerweise gleichsam zum Aufwärmen an den Beginn gestellt – verlangt solche Ehrlichkeit, solches Bekenntnissingen. Andernfalls bläht er sich zu spätromantischem Weltschmerzschwulst auf, gerinnt zu blödem Dekor.

Immerhin hätte es für Jessye Norman hier zwei respektable Möglichkeiten gegeben. Entweder sie schlägt sich offensiv auf die Lotte-Lenya-Seite und steht zu ihren Registerbrüchen, zu den nur mehr fahrig-faserig anfalsettierten Höhen, den Blasen schlagenden Vokalen, der scharfen Mittellage, ja überhaupt zur Entwicklung ihres Timbres weg vom überirdisch flirrenden Nachtigallenlaut hin zu mehr Charakter und Reibeisen. Denn uninteressant klingt es nicht, was sie an der Seite ihres überaus fürsorglichen, musikantischen Pianisten Mark Markham so alles an melodramatischem Sprechgesang aus Mahler herausholt (ein gleichsam von sich selbst erschüttertes, gestanztes Schluss-„Leiden“ in „Wenn mein Schatz Hochzeit macht“, eine Lindenbaum-Vision, die aus leuchtender Idylle abstürzt). Oder aber, Vorschlag Nummer zwei, sie lässt in Zukunft die Finger von solchem Ernst und konzentriert sich besser auf Richard Strauss, den Kunsthandwerklichen, der Fuchs genug ist, das Dekor selbst zur Botschaft zu erheben. Sein „Allerseelen“ etwa glückte ihr ganz vorzüglich, und die letzten Crescendi im „Abendrot“ strömten fast so schön wie früher: „O stiller weiter Friede!/ So tief im Abendrot./ Wie sind wir wandermüde / Ist das etwa der Tod?“

Eine genuine Ausdruckssängerin war die Südstaaten-Amerikanerin nie. Aber ein Bühnentier, im guten Sinn, schon. Bei aller blaublütigen Grandezza nämlich haftet ihr stets auch Kreatürliches an. Ohne Theaterluft, ohne Rampenlicht, ohne Applaus dürfte sie schlicht untergehen. Das weiß sie, dafür und davon lebt sie, deswegen will sie so unbedingt immer noch. Auch wenn vieles, zu vieles nicht mehr geht. Das breite Lachen („cheese!“), mit dem die Podiumstür eingangs auffliegt, mag aufgesetzt, ja festgeknipst wirken. Der Satz aber, den sie in gewohnt makellosem Deutsch spricht, bevor noch ein einziger Ton Musik erklungen ist, er gehört ganz bestimmt zu den glaubhaftesten, ehrlichsten des Abends: „Wie ich mich freue, wieder hier in Berlin zu sein.“

Wie etliche andere Partien auch hat Jessye Norman die Carmen nie auf der Opernbühne gesungen, lediglich auf Platte. Tribut, vor allem, an ihre einst mehr als massige Gestalt. Und auch jetzt, etliche Jahre später wie etliche Kilos leichter, ist es der Körper, der sie in die Schranken weist: Die Hüften sind‘s, das Gehen und das Stehen fällt ihr sichtlich schwer. Nach Schönbergs unvermeidlichen Brettl-Liedern und Französischem von Ravel und Berlioz im zweiten Teil braucht sie zur vierten Zugabe notgedrungen einen Stuhl. Und da sitzt sie nun, die Hände in wahrhaft circensischen Choreografien Luftgitarre spielend, die Miene tief nach innen gekehrt, ein kleiner, gekrümmter Körper voller Gesang, voller Musik. Eine freie Improvisation über Gershwins „Summertime“ füllt leise den Raum. Eigentlich zum Heulen, wenn das Spiel nicht längst gewonnen wäre. Großer, dankbarer Jubel.

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