Kultur : Alle Macht den Zahlen

Thomas Brussig über den „Schriftsteller“ Sarrazin

Als ich am Freitagabend in der Urania war, glaubte ich meinen Ohren kaum zu trauen: Thilo Sarrazin bezeichnete sich als „Schriftsteller“. Nun, er hat ein Buch geschrieben, das an Auflage wohl bald mein erfolgreichstes Werk übertreffen wird (sofern die Zahlen nicht, was Verlage gern tun, kräftig geschönt sind). Aber trotzdem werde ich Thilo Sarrazin niemals kollegial betrachten, wie auch nicht Stefan Effenberg oder Dieter Bohlen. Diese Leute, inklusive Sarrazin, fallen in die Kategorie „Buchautor“. Was Thilo Sarrazin nun tatsächlich ist, zeigte sich, wenn er die Fragen des guten Moderators Christhard Läpple sehr weitschweifig nicht beantwortete, wenn er Redezeit okkupierte, wenn er sich nicht unterbrechen und dafür andere nicht ausreden ließ: Er ist Politiker. Nur die verfügen über dieses gut getarnte schlechte Benehmen. In den Fernseh-Talkshows fällt Sarrazin damit nicht auf, einfach weil er sich dort meist unter seinesgleichen wiederfindet. Aber in der Urania war er der einzige Politiker. Der seine Politikermanieren auch dadurch nicht loswurde, dass er sich als „Schriftsteller“ bezeichnete.

Kurios war, wie Sarrazin seinen Kritiker Jürgen Neffe, ein studierter Molekularbiologe, anblaffte. „Sie sind kein Wissenschaftler, sie sind Schriftsteller“, motzte Sarrazin so routiniert, als hätte er in langen Berufsjahren im Arbeitsamt gelernt, wie mit störrischer Klientel umzuspringen sei. En passant verriet Sarrazin, dass er unter einem Schriftsteller jemanden versteht, der alles behaupten könne, ohne wirklich Ahnung haben zu müssen.

Zugegeben, anfangs bewunderte ich Sarrazin für seine Kühnheit, sich mit allen anzulegen. Das ist seit Freitagabend, an dem die Stimmung im Saal auf seiner Seite war und zeitweise so ein „Der Moslem ist schuld an unserm Unglück“-Geruch in der Luft lag, anders. Thilo Sarrazin ist auch kein Vorreiter der Meinungsfreiheit, weil er, anders als zum Beispiel Wolf Biermann, der in ähnlich aufgeheizten Sälen zu Hause ist, nicht seine vielen Befürworter zur Ruhe bringt, damit seine wenigen Widersacher reden und verstanden werden können. Die Erregung über Sarrazins Buch erstaunte mich anfangs. Dass das Buch eine richtige Fragestellung enthält – Warum ist die Integration gerade muslimischer Einwanderer bis heute eine Mißerfolgsgeschichte? –, darin ist sich die Öffentlichkeit ebenso einig wie darin, dass Sarrazin die Gen- und Intelligenzforschung allenfalls halb verdaut hat. Warum also die Aufregung?

Es gibt eine Art von Rechenexempeln, mit denen man zu allen Zeiten Eindruck machen kann. Vor achtzig Jahren wurde den Deutschen prophezeit, sie seien bald ein „Volk ohne Raum“; heute lassen wir uns von Sarrazin das Gegenteil vorrechnen. Prognosen sind schwierig, weil sie die Zukunft betreffen. Sarrazins Untergangs-(oder Selbstabschaffungs-)Szenarium wird uns wegen offensichtlicher Absurdität auf Dauer nicht schrecken. Aber wenn er uns vorrechnet, dass klügere Frauen mehr Kinder bekommen sollen, dann ist das Beängstigende daran nicht nur, dass seine Rechnung richtig ist, sondern auch, dass wir mit derlei Rechenspielen vertraut, ja, von ihnen geradezu umzingelt sind. Wir wissen, wie viel Steuereinnahmen eine geglückte Erwerbsbiografie einspielt, und wir wissen, wie viel ein Leben in Hartz IV kostet. In England soll es eine Krankenversicherung geben, die Rauchern Rabatt gibt, weil Lungenkrebs ein vergleichsweise billiger Tod ist, während Nichtraucher überproportional unter den jahrelangen, teuren Pflegefällen vertreten sind. Sarrazin kann also mit Unschuldsmiene erklären, er rechne ja nur so, wie Volkswirte rechnen – und gleichzeitig den Tabubruch begehen, den bloßen Kinderwunsch zu bilanzieren.

Dass Schwangere danach taxiert werden, ob sie ein wertvolles Kind oder eine Kostenfalle austragen, wäre neu. So, wie früher die Jungs als wertvoller galten, weil sie eines Tages des Kaisers oder des Führers Soldaten würden, so sollen wir in der Sarrazin-Logik die Kinder gebildeter Mütter als wertvoller erachten, weil sie, belegt durch Statistik, zuverlässigere Steuerzahler sein werden. Wenn Sarrazin rechnet, stimmt alles. Aber nichts ist richtig.

Die Erregung um Sarrazins Buch ist demzufolge absolut berechtigt, denn es lässt uns mit einer Frage zurück, die nur wir (und nicht Thilo Sarrazin) beantworten können: Wie weit wollen wir uns den Suggestionen, die von dieser Art Rechnungen ausgehen, unterwerfen? Oder: Wie viel Macht gestatten wir den Zahlen?

Thomas Brussig ist Schriftsteller und lebt in Berlin. Zuletzt erschien von ihm das Buch „Schiedsrichter Fertig“.

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