Kultur : Alle Macht der Satzung

Rüdiger Schaper über die Krise in der Akademie der Künste

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Nur eine Bemerkung am Rande. Aber sie spricht Bände: Nicht satzungsgemäß sei der Rücktritt des Präsidenten Adolf Muschg erfolgt! So hört man es aus dem Kreis dieser uraltehrwürdigen Institution noch nach der außerordentlichen Mitgliederversammlung, die sich immerhin darauf verstanden hat, Muschgs Demission nun offiziell zu akzeptieren. Nicht satzungsgemäß! Spontaneität, Temperament, Streitlust, Debattierkultur – das sind für viele Köpfe, die zwischen Hanseatenweg und Pariser Platz die Orientierung verloren haben, Fremdwörter. Muschgs Nachfolger soll – ordnungsgemäß – Ende April gewählt werden. Ein Gedränge von Kandidaten ist derzeit nicht zu beobachten. Das wundert auch nicht. Der neue Satzungsentwurf, der ebenfalls beim nächsten Plenum angenommen werden soll, berührt die „dilettantische Organisation“ (Muschg) nicht wirklich. Eine Satzung macht noch keinen Sommer.

Erst allmählich wird den Akademikern aufgehen, wie klar Muschgs Analyse ist. Er hinterlässt Schlussworte, die der Anfang einer heftigen Selbstfindung sein müssten: „Das Haus liebt die Bewegung nicht. Es weiß seine toten Mitglieder wunderbar zu feiern. Am traurigsten macht einen dabei, dass man sie im Nekrolog zum ersten Mal lebend vor sich zu sehen meint. Man hat sie an der Akademie zu selten kennengelernt.“ Und: „Um unter uns zu bleiben, brauchten wir nicht zwei Häuser, und schon gar nicht eine Adresse am Pariser Platz.“ Das tut weh, das tut gut.

Die Akademie der Künste weiß nicht, was sie ist, was sie sein soll. Ein Denkmal? Ein Veranstaltungsort? Ein geschlossener Zirkel? Ein lebendiges Archiv – das noch am ehesten. Aber auch das muss man nicht am Brandenburger Tor lagern und pflegen, wo die Grundstückspreise so gewaltig sind wie der von Akademievizepräsident Manfred Flügge behauptete Anspruch, man wolle ein „Freiraum“ für die Kunst sein. Das sagt man dann, wenn einem sonst nichts mehr einfällt.

Ist die Kunst anderswo unfrei, weil sie um Marktgesetzlichkeiten nicht ganz herumkommt? Ist die Akademie nicht selbst eine materialistische Institution, wenn sie ihr Aquarium am Pariser Platz an Dritte vermietet? Man kann die Akademie nicht abschaffen. Das tut sie fast schon selbst.

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