Kultur : Alle meine berühmten Freunde

Der Fotografin Alice Springs, Helmut Newtons Witwe, ist in Berlin eine große Retrospektive gewidmet

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Alice Springs ist eine Stadt. Und das Pseudonym, das sich eine Frau gab, weil sie plötzlich im selben Metier tätig war wie ihr bereits berühmter Mann. June begann zu fotografieren – wie Helmut Newton. Blind hatte sie mit einer Stecknadel auf eine Landkarte gedeutet und dabei auf jene Stadt im Herzen Australiens gezielt. Es hätte auch ein anderer Name sein können. Und überhaupt hätte ihre ganze Karriere ganz anders laufen können. Denn Alice Springs war nur zufällig zum Fotografieren gekommen.

Helmut Newton lag eines Tages erkältet im Bett. Kurzerhand übernahm seine Frau den Auftrag, ein Shooting für die französische Zigarettenmarke Gitanes. Sie schlug dem männlichen Model vor, wenn die Aufnahmen nichts würden, könne der Meister später noch einmal neue Bilder machen. Er war einverstanden. Die Fotos wurden gut. Ein Scheck trudelte ein, ausgestellt auf Helmut Newton. Das war die Bestätigung für die Ehefrau, dass sie alles richtig gemacht hatte.

Der lässige Franzose, den sie 1970 mit der Zigarette im Mundwinkel fotografierte, hängt in der Retrospektive, mit der die Helmut Newton Stiftung nun das Werk Alice Springs’ erstmals aus dem Schatten ihres Mannes holt, sechs Jahre nach dessen Tod. 250 Fotografien aus vier Jahrzehnten Schaffenszeit sind zu sehen, vor allem Porträts sind darunter, Mode- und Aktfotografie. June Newton sagt, sie habe sich selbst nie eine Kameraausrüstung gekauft. Regelrecht dumm wäre es doch gewesen, nicht auf den Sachverstand des Mannes zurückzugreifen.

So erzählt die facettenreiche Ausstellung einerseits von der symbiotischen Beziehung zweier Menschen. Andererseits von der Emanzipation einer Künstlerin. In June’s Room, jenem Kabinett des Museums, in dem normalerweise etwas Platz für ihre Arbeiten ist, hängen Making-Of- Serien einer Modestrecke, die Helmut Newton auf Maui gemacht hat. Die Ehefrau ist hier nur die beobachtende Begleiterin.1948 hatten sich die beiden in Australien, der Heimat Junes, kennengelernt. Damals hieß sie noch Browne und Newton war noch unbekannt. June arbeitete als Schauspielerin.

Anders als Helmut Newton, der seine Motive durchplante, sucht Alice Springs offensichtlich die spontane Begegnung mit den Menschen. Das Licht fällt natürlich, die Umgebung charakterisiert den Protagonisten mit wenigen Details. Beiläufig lenkt die Fotografin den Blick auf alternde Hände wie bei dem französischen Architekten Emile Aillaud, der sich an seinem Gehstock festhält. Oder auf die breiten Schultern mit den dicken Regentropfen auf dem Trenchcoat eines Türstehers.

Außer diesem Typen und einer Serie der Hells Angels sind nur wenige der Porträtierten Unbekannte. Denn an Helmut Newtons Seite wurde June Teil des Jetsets, sie lebten in Paris, Monte Carlo und Kalifornien. Immer wieder standen die Stars, Reichen und Schönen vor ihrer Kamera. Sie porträtierte Robert Mapplethorpe, Gerhard Richter, Billy Wilder, Dennis Hopper. Brigitte Nielsen stemmt ihren schlafenden Säugling mit beiden Händen nach oben, ein zerbrechliches Wesen neben einer starken Frau mit Lippenstift. Yves Saint Laurent steht kerzengerade im Pariser Wohnzimmer, sein Hündchen Hazel hat er sich auf den Arm geklemmt. Die Frage ist, wer sich an wem festhält. Die Inszenierungen sind perfekt.

Prominenten ist klar, dass sie sich mit diesem einen Porträt ins kollektive Gedächtnis einprägen werden. Und so sind solche Aufnahmen immer auch Machtspielchen mit der Fotografin. Wer behält am Ende die Deutungshoheit? Alice Springs sagt, sie habe sich für jene Momente interessiert, in denen die Porträtierten ihr professionelles Gesicht ablegten.

Sie liebt aber auch das Makellose, die schönen Körper, wie sie in ihren Aktfotografien aus den Siebzigern zu sehen sind, lange bevor Helmut Newton mit seinen Big Nudes Fotografiegeschichte schrieb. Hübsche Jünglinge lustwandeln am Strand oder im Olivenhain, ein Frauenpaar gibt sich seinem erotischen Spiel hin.

Immer wieder setzt die Ausstellung leise Kontraste, auf eine chronologische Hängung wurde verzichtet. So findet man neben den jungen Drallen den großformatigen Akt des 75-jährigen Malers Stanley William Hayter. Neben einer ganzen Reihe von Frauenporträts mit Kindern, die allesamt wie Fremdkörper an diesen Powermüttern baumeln, hängt ein überlebensgroßer Bodyguard mit Knarre im Anschlag. Ein Bild von einem Mann.

Helmut Newton Stiftung im Museum für Fotografie, Jebenstraße 2, bis 30.1.2011, Di-So 10-18, Do 10-22 Uhr

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