Kultur : Alle Menschen werden rüder

Nur Stevie Wonder bleibt Hippie: Mit „A Time To Love“ gelingt ihm ein grandioses Comeback

Christian Schröder

Der Pop begann, vierzig Jahre ist das nun her, seinen Siegeszug mit einem Schlachtruf: Yeah, Yeah, Yeah! Drei Worte, in denen sich die Kraft, die Schönheit und die Unbeschwertheit einer Musik manifestiert, die für immer jung sein wollte. „Yeah, Yeah, Yeah!“, jauchzt jetzt eine helle, etwas gepresste Gesangsstimme. Sie springt von rechts nach links, umkreist – ein altes Spiel mit den Möglichkeiten der Stereophonie – den Kopf des Zuhörers, stottert übermütig. Ausrufe des Entzückens: Yeah, Yeah, Yeah!

Die Stimme beschwört eine simple Botschaft: Tue Gutes und dir wird es gut gehen. „You can always look at the negative / But you should always live in the positive.“ Das Schlagzeug gibt einen harten, treibenden Beat vor, funky schnarrt die E-Gitarre. „When I see the morning / And the sun is smiling down upon me / I joy in the blessing / That still the ground is not above me.“ Jeden Morgen, wenn er die Sonne aufgehen sieht, freut sich der Sänger, dass ihm die Erde noch nicht auf den Kopf gefallen ist. Ein Bekenntnis, das eine besondere Pointe hat: Stevie Wonder ist von Geburt an blind, die Sonne sah er niemals aufgehen. „Positivity“ heißt der Song, der eine Art vertonter Lebensphilosophie ist. Im Booklet von Wonders neuer CD „A Time To Love“, die am Freitag erscheint, umfasst der Text 56 eng bedruckte Zeilen. Wenn ich als Afro-

Amerikaner gefragt werde – heißt es da–, ob irgendwann alle Menschen friedlich werden zusammen leben können, so sage ich: Je größer unsere Vision ist, desto größer ist auch unsere Chance. Stevie Wonder hört auch mit 55 Jahren nicht auf, visionär zu sein: ein blinder Seher. Yeah!

Es fällt leicht, über diesen Mann zu spotten, der seine Jugend lange hinter sich hat und doch ein Kindskopf geblieben ist. In Zeiten der Angst vor Terror und Sozialabstieg hält er hartnäckig an den alten Hippie-Träumen fest. Mit der Liebe, die er in seinen Liedern anruft, meint er keine körperlichen Genüsse, sondern eine noch größere Verschmelzung: Alle Menschen werden Brüder. In „A Time To Love“, dem berückenden, mit Streichern und Hall unterlegten Titelstück des Albums, bilanziert er im Duett mit India Arie: „We have time for racism / For passing bills and building prisons / When will there be a time to love.“ Man kann sich vorstellen, wie der Sänger dazu, die Augen wie immer hinter einer Sonnenbrille versteckt, ekstatisch seinen Kopf hin- und herwirft, die langen Rastalocken schüttelnd. Aber der Song ist großartig, er endet in einem minutenlangen Fadeout, bei dem Talking Drums, Tablas und Congas in Dschungel-Rhythmik bearbeitet werden.

„A Time To Love“ ist ein Opus magnum, eine Platte, die eine Spur Größenwahn verströmt. Alben gelten inzwischen als bedrohte Gattung, Pop-Songs lassen sich bequem aus dem Internet herunterladen oder illegal kopieren. Zehn Jahre sind seit Wonders letztem Studioalbum „Conversation Peace“ vergangen, der Nachfolger sollte noch einmal ein großer Wurf werden wie die besten Arbeiten des Musikers aus den Siebzigerjahren, als ihm von „Music Of My Mind“ (1972) bis „Songs In The Key Of Life“ (1976) nacheinander fünf Pop-Meilensteine gelungen waren. Die Aufnahmen entstanden im Wonderland Studio in Los Angeles, Wonder standen dabei alte Weggefährten wie der Bassist Nathan Watts und die Backgroundsängerin Shirley Brewer zur Seite, die mit ihm seit über dreißig Jahren arbeiten. Die Liste der Gastmusiker ist beeindruckend: Prince und Paul McCartney spielen Gitarre, R&B-Diva En Vogue, Motown-Talent Aisha Morris und Gospel-Star Kim Burrell singen, Perkussionist Francis Awe wurde aus Nigeria eingeflogen.

„Bei ,A Time To Love’ kommen viele Einflüsse zusammen, es ist ein Abbild meines Alltags“, hat Stevie Wonder dem britischen Magazin „Uncut“ gesagt. „Ich gucke fern, höre Radio, lese Zeitung, treffe Menschen, gehe auf Reisen und mache mir daraus ein Bild von der Welt.“ Die Platte ist ein erstaunliches, staunenswertes Comeback: 78 Minuten – das klassische Format einer Doppel-LP –, angefüllt mit hinreißenden Soul-Melodien, Sound-Experimenten, Geräuschen geklärter und ungeklärter Herkunft. Der Auftaktsong „If Your Love Cannot Be Moved“ setzt mit gescratchten Rhythmen und ultratiefen Streichern ein, die die Atmosphäre eines Hollywood-Thrillers heraufbeschwören. Bei der Jazz-Ballade „Moon Blue“ schweift ein Barpiano ab zu perlenden Läufen. Die Single-Auskopplung „So What The Fuss“ ist trockenster Dancefloor-Funk, „From The Bottom Of My Heart“ eine Feelgood-Schunkelhymne mit fröhlich fiepender Mundharmonika. Und in das Finale von „Sweetest Somebody I Know“ mischen sich „Daddy, Daddy!“-Ausrufe, eine Reminiszenz an den Hit „Isn’t She Lovely“, der 1976 das Geschrei von Wonders neugeborener Tochter Aisha enthielt.

Ein warmes Sirren liegt über dem Album, es ist der charakteristische Klang des Moog-Synthesizers, mit dem Wonder einst den Pop revolutionierte. „Ich war immer fasziniert davon, wie er Synthesizer als Orchester einsetzte“, hat Herbie Hancock gesagt. „Er lässt Synthesizer das sein, was sie sind – das Gegenteil von akustischen Instrumenten.“ Wonder selbst beschreibt seine Arbeit mit Sound-Wunderkisten wie dem Moog-Synthesizer oder der „Dream Machine“ von Yamaha als langen, nie enden wollenden Prozess: „Ich versuche dem, was diese Instrumente können, so nahe wie möglich zu kommen. Dabei bleibe ich der Chef, ich erlaube den Dingern, wie sie klingen sollen.“ Robert Moog, der Schöpfer des bahnbrechenden Synthesizers, war im August gestorben. So ist „A Time To Love“ auch ein Memorial geworden.

Wonder begann seine Karriere als musikalisches Wunderkind. Er war zehn Jahre alt, als er mit seiner Mutter von Berry Gordy, dem Gründer des Motown-Labels, in seinem Studio in Detroit empfangen wurde. Berry wollte wissen, welches Instrument er spielen könne, und Wonder bewies ihm seine Fertigkeiten am Klavier, der Orgel, dem Schlagzeug und jedem anderen Instrument, das sich im Raum befand. Der Mogul gab ihm sofort einen Plattenvertrag. 1963, mit zwölf Jahren, schaffte es „Little Stevie“ als erster Künstler in der Billboard-Geschichte, gleichzeitig den ersten Platz in den amerikanischen Single- (mit „Fingertipp Pt.2“) und Album-Charts („Recorder Live – The 12 Year Old Genius“) zu erobern. Der Titel „12 Year Old Genius“ knüpfte an „The Genius“ Ray Charles an, dem der Teenager die LP „Tribute To Uncle Ray“ widmete. Wonder ist so etwas wie der Thronfolger für Soul-Gründervater Charles, wobei es einen biografischen Unterschied gibt: Der Jüngere verfiel niemals den Drogen.

1971 wurde für den damals 21-Jährigen zum entscheidenden Wendejahr. Statt seinen auslaufenden Plattenvertrag mit Motown zu verlängern, zog Stevie Wonder nach New York und verschanzte sich in einem Tonstudio. „The man is his own Instrument, the Instrument is an Orchestra“ steht auf dem Cover seines ersten Geniestreichs „Music Of My Mind“. Wonder spielte nahezu alle Instrumente selbst ein, mit bis zu 48 Stunden langen Sessions brachte er die Tontechniker zur Verzweiflung. In Songs wie „You Haven’t Done Nothing“ attackierte er Nixon, die Rolling Stones luden ihn zu ihrer USA-Tournee ein. Wonder war jetzt kein Wunderkind mehr, sondern ein reifer Meister, umstritten ist allerdings bis heute, welches sein größtes Meisterwerk ist: die Baukastensammlung „Innervisions“ oder das etwas pompöse Doppelalbum „Songs In The Key Of Life“. In den Achtzigerjahren gelang dem Sänger noch der sacharinsüße Duett-Hit „Ebony And Ivory“ mit Paul McCartney, dann verschwand er in der Versenkung. In den Neunzigern war er eine entrückte Legende, Epigonen wie Jamiroquai schlachteten seine Erfolge aus.

„Melodien sind wie Engel, die der Himmel schickt“, sagt Stevie Wonder.

Stevie Wonder: „A Time To Love“ (Motown/Universal)

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