Kultur : Alle Tassen im Schrank

Berliner Juden: die Geschichte der Familie Beer-Meyerbeer-Richter im Stadtmuseum

Michael Zajonz

Hinter dem Märkischen Museum blühen die Krokusse. Immer wieder ein kleines Wunder. Auch innerhalb der ehrwürdigen Mauern vollzieht sich mit dem Farb- der Perspektivwechsel: Seit Wochen wird die Dauerausstellung zur Stadtgeschichte optisch und inhaltlich geliftet. Gleichzeitig eröffnet heute die Ausstellung „Juden, Bürger, Berliner“. Eine Familiengeschichte, die den gesellschaftlichen Klimawandel Berlins zwischen Napoleonischer Besetzung und dem Ende der NS-Diktatur nachvollziehbar macht.

Die Familie, die dies gestattet, war auch jenseits ihres Wohlstands alles andere als alltäglich: Der strenggläubige jüdische Kaufmann Liepmann Meyer Wulff schuf als Heereslieferant, Postunternehmer und Lotteriepächter dreier preußischer Könige Ende des 18. Jahrhunderts ein Vermögen. Sein Schwiegersohn Jacob Herz Beer unterhielt ab 1815 die erste private Reformsynagoge Berlins, dessen Frau Amalie Beer glänzte durch Wohltätigkeit und als Salonnière. Ein Enkel Liepmann Meyer Wulffs, der Komponist Giacomo Meyerbeer, blieb auch als europäischer Star – in Paris und Mailand umjubelt – seinen religiösen Wurzeln treu. Erst die nächste Generation konvertierte. Meyerbeers jüngste Tochter Cornelie heiratete den Porträt- und Orientmaler Gustav Richter, einen echten Malerfürsten der Gründerjahre. Nach seinem Tod 1884 hielt Cornelie weiter Hof: Bei den Diners in ihrer Wohnung Unter den Linden konnte Reichskanzler Bernhard von Bülow auf den belgischen Jugendstil-Künstler Henry van de Velde treffen.

Die Familie Beer/Meyerbeer/Richter steht mit fünf Generationen für die Hoffnung und das Scheitern einer deutsch-jüdischen Symbiose. Die Söhne von Cornelie und Gustav Richter, obgleich völlig assimiliert, galten den Nazis als „Mischlinge ersten Grades“. Gerettet hat sie wohl nur das Kriegsende. Hans Richter, der Jüngste, bewahrte mit seiner Frau Luise die materiellen Reste der Tradition. Als Hans-und-Luise-Richter-Stiftung schenkten Richters Enkel die Sammlung im Dezember 2000 der Stiftung Stadtmuseum Berlin. Die großzügige Gabe traf auf echten Bedarf, hatte das Haus seine Jüdische Abteilung an das Jüdische Museum verloren.

In der Großen Halle des Museums thematisiert nun ein begehbarer Kubus dies Sammeln und Bewahren selbst. Ein lindgrüner Setzkasten, dessen Fächer Ausstellungskurator Sven Kuhrau teils mit Kostbarkeiten, teils mit Alltagsdingen bestückt hat, denen erst durch ihre Herkunft Wert zuwächst. Neben dem großartigen Porträt Amalie Beers findet sich etwa eine ihrer Tassen – mehr blieb von der Tiergarten-Villa nicht – sowie ihre letztwillige Verfügung, nach der sie gegen jüdischen Ritus erst drei Tage nach ihrem Tod bestattet werden wollte. Das reicht, um Neugier zu wecken. Historische Überlieferung als Mischung aus Zufall und Absicht: Die überschaubare Auswahl von Objekten nähert sich durchaus versöhnlich dem Kernproblem musealisierter Geschichte.

Zwölf Stelen, die kleinformatige Exponate bergen, suchen über das ganze Haus Berührungspunkte zwischen Individuum und Zeitgeist. Das gelingt nicht immer. Doch manchmal passen Dauerpräsentation und temporäre Ergänzung wie Teile eines Puzzles. Im Frühjahr 1900 hielt Henry van de Velde drei Vorträge im Salon Cornelie Richters. Von Walther Rathenau, einem der prominenten Zuhörer, besitzt das Museum ein kapitales Porträt von der Hand Edvard Munchs. Es steht nun mit Speisezimmermöbeln Van de Veldes, der 1901 publizierten Buchausgabe der Vorträge und dem ebenfalls durch den Belgier ausgestatteten Nietzsche-Buch von Raoul Richter, Cornelies zweitältestem Sohn, für ein komplexes System von Freundschaften und Abhängigkeiten. „Es war der letzte Akt einer sehr langen und fruchtbaren gesellschaftlichen Kulturgemeinde“ schrieb Harry Graf Kessler 1922 über Cornelie Richters Begräbnis. Schön, dass dieses Schauspiel unverhofft zu seinem Epilog gefunden hat.

Märkisches Museum, Am Köllnischen Park 5, bis 27. Juni Di-So 10-18 Uhr. Begleitbuch (Henschel) 24,90 Euro. Am 21. 3. spielen Götz Bernau (Violine) und Eckehard Scholl (Klavier) Meyerbeer, Infos unter 308 66 215.

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