Kultur : Alle verwechseln alle

Tagträumer und Teilzeitphilosophen: Gesine Danckwart und Robin Arthur zeigen „Kater in Hotels“ in den Berliner Sophiensälen

Peter Laudenbach

Manchmal hat das Theater etwas sehr zeitfern Anheimelndes. Man räkelt sich in privaten Versponnenheiten, lauscht den Kompliziertheiten von Jobs und Liebe und Hotelzimmern und Älterwerden und fühlt sich mit liebevoll gepflegten Selbstdefinitions-Problemen wohl. Dann schweben Sätze wie „Merk Dich Dir“ vorüber, oder jemand sagt, dass er glaubt „bei der Wahl der Zahnbürste fürs Leben noch zu keiner wirklichen Entscheidung“ gekommen zu sein: „Hart, mittel oder weich?“

Es gibt noch existenzielle Fragen im Spätkapitalismus! Theaterabende, die sich in solch sanft dahinplätscherndem Geplauder verlieren, können sehr angenehm sein. Sie fühlen sich an wie im Bett vertrödelte Vormittage, an denen man in Comics blättert, alte Platten von Al Green hört oder mit Hilfe der Neuübersetzung von Salingers „Fänger im Roggen“ in halbvergessenen Spätpubertätszuständen versinkt, während im Nachbarzimmer die Fernsehnachrichten vom Krieg laufen. Narzissmus als Menschenrecht, Privatismus als Lebenskunst.

Ein besonders schönes Exemplar dieses aus der Außenwelt gefallenen Theaters zeigen die Berliner Sophiensäle im Hochzeitssaal. „Kater in Hotels“ ist eine Serie, die Gesine Danckwart und Robin Arthur gemeinsam inszenieren, jeden Monat eine neue Show, schnell geschrieben, schnell produziert und mit dem Charme des Augenblicks schnell verflogen. Die erste Lieferung hat einen langen, aber schönen Titel, der klar macht, dass wir eine Welt von gefakten privaten Tagebüchern, Partygeplauder und Erinnerungsresten betreten: „Es war nicht die aufregendste Nacht ihres Lebens, und wenn, würde sie sich jetzt nicht mehr daran erinnern können.“

Das gleiche könnte man von den Leuten sagen, deren Sexproblemen, Partyproblemen, Job-Problemen, Liebesproblemen und Wer-bin-ich-Problemen man im Lauf des Abends begegnet: Es sind nicht die aufregendsten Zeitgenossen, aber das macht nichts, da sie höflicherweise in der Erinnerung schon zu verblassen beginnen, während man vom Theaterausgang zielsicher zur nächsten Bar läuft.

Die Bühne ist lässig multifunktional: Ein Bett und eine Theke, was braucht man mehr. Robin Arthur, Gesine Danckwarts Co-Regisseur, hat sich als Bürobote im zu weit geschnittenen Billig-Anzug verkleidet. Mit Blick in eine weite Ferne sagt er Sachen wie „Du musst daran glauben“. Oder: „So wie du jetzt bist - das ist das letzte Mal.“ Das stimmt aber nicht, es ist nicht das letzte, sondern das erste Mal an diesem Abend, dass solche Null-Sätze so tun, als seien sie ernst gemeint. Sind sie natürlich nicht, was man schon daran erkennt, dass sie dem Darsteller dauernd entfallen.

Der erste Auftritt als gelungener Präventivschlag: Hier geht es mit großen Worten um nichts. Dann kommt eine Frau, die ständig von allen mit irgendwelchen Fremden verwechselt wird (Alexandra Schmid). Eigentlich ist das okay, aber „ich würde schon ganz gerne wieder mal mit meinem eigenen Namen angesprochen werden.“ Wer kann es ihr verdenken. Andererseits steht zu befürchten, dass sie außer dem Namen nichts Eigenes hat. Lauter Passanten, Selbstgesprächträumer, Amateurphilosophen, Kneipengänger und Teilzeitliebhaber treiben in der nächsten Stunde vorbei und schrecken auch vor härtesten Plattitüden nicht zurück: „Es ist unmöglich, allein zu sein, zusammen sein ist genauso unmöglich. Alle sind immer dabei, ihre Haut zu retten.“ Das Schöne daran: Alle wissen, dass es um nichts geht.

Noch einmal am 31.3., nächste Folge: 28. April bis 1.Mai

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