Kultur : Allegro im Alltag

EDDA DÖRR-WESSELS

Nicht neu, aber ein Versuch: Bad Neuenahr will mehr Profil mit der "Sinfonie der Sinne"VON EDDA DÖRR-WESSELS

Was fällt den Leuten in einem traditionsreichen Heilbad angesichts der Misere im Kur- und Gesundheitswesen ein? Nicht etwa ein neues Lamento, sondern die "Sinfonie der Sinne".Alle Kurorte, die nicht auf der Strecke bleiben wollen, müssen sich etwas einfallen lassen, können sich nicht einmal auf ihre unbestreitbaren Erfolge berufen, wie etwa Bad Neuenahr in der Diabetes-Behandlung.So etwas kann nur den ernsthaft Kranken überzeugen.Alle anderen, vor allem auch Privatgäste und ambulante Kurlauber - das Wort dürfte wieder salonfähig werden -, wollen umworben, verlockt und verwöhnt sein.

Am Anfang steht die Neugier, die mit wohligen Assoziationen geweckt werden dürfte.Was also erwartet den Gast? Probieren wir es doch aus, was da verheißen wird als "Sinfonie der Sinne".Ouvertüre könnte die wohlige Wärme des Fango sein "in den weltweit einmaligen Kabinen und Deckenkunstwerken".Die Neugier kriegt einen weiteren Schub.

Entree und Gänge dieses Neuenahrer Thermal-Badehauses haben schon etwas Sinfonisches - das mag aber auch an der flüsterleisen Musik liegen, die den Gast auf dem Wege zum Therapeuten begleitet.Der wunderschön restaurierte Jugendstilbau ist jedenfalls erste Voraussetzung und Rahmen der Verheißungen.Was hätten wir denn gern als Zusatz im Brei des Eifelfango? Arnika täte Muskeln und Gelenken gut, Kamille würde die Haut verwöhnen, die Roßkastanie wäre Balsam für die Venen, Rosmarin möchte den Kreislauf auf Touren bringen.Aber der weißbekittelte Herr Schunk empfiehlt Lavendel - das entspannt, und mit dem Duft ist schon ein weiters Sinnesorgan betört.

Wer nicht sofort die Augen schließt und einschläft, eingehüllt in Klänge, Duft und Decken, identifiziert vielleicht erst jetzt die Gebilde an der Decke als Kunst.Sie sind schon als Schneeflocken und Wespennester gedeutet worden - mir sehen sie aus wie Kohls Leibspeise, Saumägen, weiß gekalkt.In den benachbarten Räumen sind Fußabdrücke am Plafond, Gebilde, die ans Salzgebäck der Beschäftigungstherapie erinnern, oder schwarzes Gitterwerk.Die Neonröhre in der Mitte gehört nicht zur Kunst.

Die folgende Massage übrigens ist, bar jeder sinfonischen Dreingabe, klassisch und einfach klasse.Andere Probanden tendieren zur fernöstlichen Weisheit, lassen sich von der chinesischen Ärztin tief in die Pupille schauen und den Puls messen und wissen fortan, wo ihre Schwachstellen nach Stärkung verlangen.Akupunktur und Akupressur sollen innere Blockaden lösen, unterstützt noch durch die Wärme abgebrannten Beifußes.Wenn man ihn Moxa-Kraut nennt, erklärt sich der Vorgang als Moxibustion.Qi Gong, die meditative Bewegung, ist schon eher in unseren Wortschatz eingegangen.

Was neu zu erfahren wäre, ist das Bad in Heilessig aus dem guten Ahrwein, kombiniert mit echter Sahne und vollendet mit einer Bürstenmassage.Doch auch der alte Pfarrer Kneipp mit seiner Wasserkunst und seinen ewig neuen Erkenntnissen über die ganzheitliche Behandlung kommt nicht zu kurz.Eine letzte pikante Note zum Thema: "Renaissance" heißt das Kompaktprogramm fürs fortgeschrittene Alter, die Pauschale "Allegro" verspricht Lebenslust im Alltag.

TIPS

Pauschalen: Behandlung nach der Traditionellen Chinesischen Medizin ab 1227 Mark inklusive sieben Übernachtungen mit Frühstück; Beauty-Paket "Apollo" für den Mann, ab 249 Mark inklusive drei Übernachtungen mit Frühstück.
Pauschalen auch mit den Schwerpunkten Wandern, Radfahren, Golfen, Spielbank, Thermalbad, Schlemmen, Wein.

Heilanzeigen: Stoffwechselkrankheiten, Rheuma, Bewegungsapparat (Orthopädie, auch Osteoporose), Herz-Kreislauf.

Auskunft: Kurverwaltung, Kurgartenstraße 1, 53474 Bad Neuenahr; Telefonnummer: 026 41 / 80 11 00.

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