Kultur : Allein im Wunderland

Thomas Ostermeier triumphiert mit „Die Ehe der Maria Braun“ an den Münchner Kammerspielen

Ulrike Kahle-Steinweh

Es ist ganz anders. Totales Theater statt Filmkunst. Nicht Rainer Werner Fassbinder, sondern Thomas Ostermeier. Wie wird er es machen? Einen der berühmtesten deutschen Filme auf die Bühne bringen, der den Silbernen Bären gewann, den Bundesfilmpreis? Mit Hanna Schygulla, Gisela Uhlen, Ivan Desny, Klaus Löwitsch. Mit Elisabeth Trissenaar, Gottfried John, Günter Lamprecht und Hark Bohm. Der Schauspieler-Glanz der Siebziger zeigte Deutschland von ’45 bis ’54, als wir Fußballweltmeister wurden und wieder etwas galten in der Welt. Werden wir, die den Film gesehen haben, nicht dauernd vergleichen? Müssen die, die ihn nicht kennen, auf zu viel verzichten?

Nein. Ostermeier, Regiegast von der Berliner Schaubühne, macht etwas ganz Einfaches, das leicht misslingen kann: Er zeigt Theater auf dem Theater. Kein Kammerspiel, kein Eintauchen in Emotionen, nein, Rollentausch, Verfremdung. Ein Foyer mit eleganten Fünfzigerjahre-Sesseln, vier erstarrte Schatten sehen auf Schwarzweißvideos, sehen Hitler und Kinder, Hitler und jubelnde Frauen. Dann geschieht etwas Seltsames. Ein Schauspieler stülpt sich eine braune Perücke auf, kommt nach vorn ans Mikrofon und liest Liebesbriefe vor an „Wolfilein“. Das ist Hitler, geliebt von vielen deutschen Frauen. Soll das eine Parallele sein zu Marias Illusion ihrer Liebe zum unbekannten Ehemann? Schade, Travestie, Politsatire, eher banal.

Es kommt anders. Ostermeier lässt die Schauspieler tanzen, sie setzen Perücken auf und ab, sie nehmen sich gegenseitig den Hut weg, unter dem Blümchenkleid das Korsett, über das Korsett verkehrt der Mantel, und Marias Mutter wird zur Bardame wird zum Arzt. Unglaubwürdig, lächerlich? Nein, virtuos. Nur Maria Braun bleibt Maria Braun. Wir sehen eine schöne Frau, die unbeirrt den Männerweg geht im beginnenden Wirtschaftswunderland. Die auf die Rückkehr des Ehemanns hofft, die sich einen schwarzen GI als Geliebten nimmt und ihn umbringt, als der tot geglaubte Ehemann plötzlich vorm Bett steht. Die es ungerührt hinnimmt, dass ihr Ehemann für sie ins Gefängnis geht, einen Textilfabrikanten kühl anmacht, angestellt wird, die Firma hochbringt, reich wird, ein Haus baut, alles für den Ehemann, den Ehemann der Maria Braun.

Das Drehbuch von Peter Märthesheimer und Pea Fröhlich ist genial, bringt in knappen Dialogen alles auf den Punkt: die Angst und Not, daraus erwachsend dass Zynische, Pragmatische, die Gier nach Leben, nach Vergnügen, nach Besitz. Steven Scharf, Jean-Pierre Cornu und Hans Kremer spielen die siebenundzwanzig (!) Personen, die Maria Braun umkreisen. Das ist anfangs gewöhnungsbedürftig. Dann schaut man gebannt, wenn die drei Männer irrwitzig schnell in ihre Rollen schlüpfen, Schauplätze andeuten in der Sessellandschaft. Erster Höhepunkt: Drei schwarze Masken machen aus Weißen „Bimbofiguren“, die elegant-albern im Gleichklang vor sich hintanzen. Zweiter Höhepunkt: ein einsames Paar, die Tänzerin hängt am GI, der sie bald träge hochhebt, um sich herumschlingt, während sie gelangweilt ihre Arme flattern lässt, der sterbende Schwan, ein Ballett der Desillusionierung. Die Tänzerin ist Hans Kremer, der Mann als Frau macht die Situation noch schäbiger.

Alle sind sie hervorragend. Brigitte Hobmeier ist tough und schön. Sie geht wie die Schygulla, hält den Kopf wie sie, redet mit leicht bayerischem Akzent wie sie und bleibt doch genügend Hobmeier, um kein Abziehbild zu sein. Man glaubt ihr alles, Klugheit und Härte, die versteckte Weichheit und die Liebe zu ihrem Mann. König des Abends ist Hans Kremer. Auch er zitiert den unvergleichlichen Hark Bohm als anständigen, verklemmten Buchhalter Senkenberg und fügt eine bis zum Slapstick gesteigerte Verwirrung hinzu.

Es gäbe viel zu schwärmen. Über die Farbzusammenstellung der Sessel: petrol, orange, rot und braun (Bühne: Nina Wetzel), über den Einsatz von Video (Sebastian Dupouey): Überlebensgroß erscheint Marias Hand auf der nackten Haut ihres GIs in dem Moment, als ihr Mann sie beobachtet. Am Ende explodiert ihr für Hermann gebautes Haus als Videoprojektion auf ihrem Unterrock, das Theater hat sich den Film einverleibt.

Marias goldenes Kleid ist wie eine Rüstung, (Kostüme: Ulrike Gutbrod), zugleich Verbildlichung für den Drang nach Schutz, nach Geld. In Ostermeiers Inszenierung ist alles doppeldeutig. Die Männer in den Frauenrollen zeigen, wie unentrinnbar eingeschlossen die scheinbar unabhängige Maria vom Männerbund ist. Verweis auch darauf, wie die Frauen selbstverständlich ihren Mann standen, bis sie wieder aus der Männerwelt ausgesperrt wurden. Statt Emanzipation Scheinheiligkeit und Rückschritt. Maria Braun glaubt, sie allein hätte die Kontrolle übers Geschäft und die Liebe. Sie täuscht sich, ihre Welt geht in Flammen auf. Aus dem Radio schallt „Toor! Toor! Deutschland ist Weltmeister.“ Fragt sich, worin.

Nächste Aufführungen 17., 25. Juni

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