Kultur : Allein? Zu zweit? - mit Michelle Pfeiffer und Bruce Willis

Kerstin Decker

Die Ehe ist eine Versuchsanordnung mit zwei Spiegeln. Jeder erkennt sein Bild im Gesicht des anderen. Wer soll das aushalten? Die meisten Spiegel werden aus Vorsicht bald blind.

Bruce Willis und Michelle Pfeiffer. Ben und Katie, ein altes Ehepaar, in Rob Reiners "An deiner Seite". Sie schaut ihn an und erkennt ihr Bild nicht mehr. Nicht in diesem lärmenden, lamentierenden Mann. Und die Frau, die sie erblickt - das ist nicht sie. Zwei armselige Hälften. Um wieder ganz zu werden, müssten sie sich trennen. Nie wieder Hälfte sein!

Rob Reiners Film ("Stand by me", "Harry und Sally") erzählt von den Schwierigkeiten des Ganzwerdens. Oder von seiner Unmöglichkeit? Als die Kinder im Ferienlager sind, machen Ben und Katie Schluss. Und spüren, in der neuen Freiheit, in der neuen Einsamkeit, einen seltsamen Phantomschmerz. Der andere ist nicht mehr da, und trotzdem fühlt man ihn. Seine Abwesenheit.

Manche halten "An meiner Seite" für larmoyant und sentimental. Vielleicht, weil Ben nicht zu Katie einfach "Und tschüss!" sagen kann. Und sie nicht zu ihm. Weil ihr gemeinsames - vergangenes - Leben ihnen jetzt als schon verlorenes vor Augen tritt. Natürlich ist Sich-Erinnern sentimental. Plötzlich schmeckt alles nach Ende, wo eben noch Anfang war. Anfänge sind unbewusst, nicht wiederholbar. Anfänge bemerkt man erst, wenn sie vorbei sind. Wenn Ben und Katie jetzt auseinandergehen, wird ihr Anfang endgültig verloren sein.

Reiner macht das beinahe mythische Gewebe des Alltags sichtbar. Alltag, der große Kleinmacher, Zerstörer alles Bedeutsamen. Alltag ist, was die Spiegel blind macht. Und dennoch ist er ein Schutzraum, den Ben und Katie nun verlassen wollen.

Michelle Pfeiffer und Bruce Willis spielen diese Ambivalenz der Empfindung bis in die letzte Pore aus. Das ist zumindest nicht neurotischer als die Situation selbst. Und wahrhaft großartig flüstert, doziert, lacht, schreit und heult sich Michelle Pfeiffer in ihrem letzten Drei-Minuten-Monolog quer durch alle Seelenlagen und Bewusstseinsschichten. Ein Tagebau des Gefühls.

Es ist das sehr absehbare Ende, das den Film doch etwas ideologisch wirken lässt. Vergleichen wir das mal mit der "Lindenstraße". Im Bleiben und Gehen gibt es keine Gerechtigkeit. Sogar Mutter Beimers Mann heiratet nach so vielen Jahren eine andere! Natürlich ist Mutter Beimer nicht Michelle Pfeiffer. Trotzdem, Amerika ist noch nicht so weit. Dabei entspricht dieses Verlassenwerden so schön unserem Bedürfnis nach Tragik. Auch wirken Filme, die schlecht ausgehen, irgendwie künstlerischer.

Ben und Katie finden also wieder zusammen, warum das verschweigen? Es nimmt dem Film nichts von seiner Dramatik. Nur Hälfte sein oder wieder ganz werden. Allein? Wieder zu zweit? Eine unentscheidbare Frage.In 27 Berliner Kinos; Originalversion in der Kurbel und im Cinemaxx Potsdamer Platz

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