Kultur : Aller Anfang ist dunkel

Jacques Le Goff untersucht „Die Geburt Europas im Mittelalter“

Rudolf Walther

Mit seinem bescheiden als Essay über „Die Geburt Europas im Mittelalter“ auftretenden Buch wendet sich Jacques Le Goff nicht an seine gelehrten Kollegen, sondern an das historisch interessierte Publikum mit einer kühnen These: Die Wurzeln Europas liegen in dem landläufig als dunkel, archaisch und in religiösen Vorstellungen befangenen Mittelalter. Aber was heißt Mittelalter? Schulmäßig sind das die rund tausend Jahre zwischen dem Untergang des Römischen Reiches im 4.Jahrhundert und dem Beginn der Renaissance im 15.Jahrhundert.

Sprache der Sklaven

Le Goff hält von solchen Abgrenzungen nicht viel, denn es handelt sich dabei ausnahmslos um Projektionen von Gelehrten. Kein Mensch im Mittelalter fühlte sich als mittelalterlicher Mensch. Der Begriff Mittelalter kam – wie das Denken in Jahrhunderten – erst im 16. Jahrhundert auf. Den Begriff Renaissance als Nachfolgerin des Mittelalters setzte Jacob Burckhardt Ende des 19. Jahrhunderts durch. Statt von solchen starren Zeitschemata spricht Le Goff lieber vom „langen Mittelalter“, dessen Ende er – Karl Marx folgend – auf den welthistorischen Bruch der Französischen Revolution von 1789 datiert. Zugleich will Le Goff – gegen Marx – darstellen, wie vieles in der Moderne und insbesondere bei der Schaffung Europas auf mittelalterlichen Fundamenten ruht.

Der Übergang von der Antike zum Mittelalter vollzog sich als langwieriger Prozess zwischen dem 4. und dem 8. Jahrhundert. Dabei spielte die fortschreitende Christianisierung die Rolle eines Scharniers zwischen den beiden Epochen, nachdem Kaiser Theodosius 313 das Christentum zur Staatsreligion im zerbröckelnden Römischen Reich erklärt hatte. In mehreren Einwanderungswellen vermischten sich latino-europäische und barbarische Völkerschaften. Die römischen Verwaltungsbezirke gingen dabei auf in bischöfliche Territorien und kleine Königtümer (regna). Rom verlor seine zentrale Stellung trotz des Papsttums. Neben dem Latein gewannen die Volks- bzw. Vernakularsprachen (gebildet nach dem lateinischen Wort „verna“, Haussklave) an Boden. Europa wurde politisch, sprachlich und kulturell dauerhaft dezentralisiert.

Deshalb sind nach Le Goff alle Versuche, Europa zentralistisch zu vereinheitlichen zum Scheitern verurteilt. Den Versuch Karls des Großen (742 - 814), im Bündnis mit dem Papst ein von Franken dominiertes Reich nach dem Vorbild des „Römischen Reiches“ zu errichten, bezeichnet Le Goff schlicht als „Fehlgeburt“. Alle heutigen Europa-Ideen, die sich auf Karl berufen, sind für ihn nur „nostalgische Zeremonien“. Zukunftsweisend waren und sind nicht kriegerische Reichs- und Vereinheitlichungspläne – Karl führte nur in zwei von den 46 Jahren seiner Herrschaft keine Eroberungs- und Beutekriege –, sondern die Ideen von Recht, Friede und Bildung, wie sie bereits an den mittelalterlichen Universitäten entwickelt wurden.

Doch ist Le Goff weit davon entfernt, das Mittelalter zu verklären. Das feudale Europa mit seiner Dreiteilung in Krieger, Priester und Bauern beruhte auf der Grundherrschaft, die weltliche und kirchliche Herren mit Gewalt durchsetzten. Mit der Militarisierung der Orden und des Glaubens stürzte sich das feudale Europa nach 1095 für über hundert Jahre in Kreuzzüge gegen Muslime, Juden und Ketzer. Damit ruinierte das junge Europa seinen Ruf und gewann nichts außer importierten Aprikosenbäumen.

Parallel und im Widerspruch zur „Verchristlichung des Krieges“ als „heiliger Krieg“ (Le Goff) – mit Inquisition, Juden-, Hexen- und Ketzerverfolgungen – entfaltete sich die Marienverehrung. Der christliche Humanismus vertröstete die Menschen nicht aufs Jenseits, sondern spornte sie zu Barmherzigkeit an. Zu den großartigsten Formen dieses Engagements gehören die Entfessellung der Vernunft in der Scholastik und der gotischen Architektur mit ihren farbigen Kirchenfenstern im Zeichen „der Spiritualität des Lichts“ (Le Goff). Die Scholastik als Kunst des vernünftigen Fragens, Argumentierens und Antwortens in Glaubenssachen vertraute mit Anselm von Canterbury (1033-1109), Alexander von Hales (gest. 1245), Albertus Magnus (1200 - 1280), Thomas von Aquin (1224/25 - 1274), Roger Bacon (1219 - 1292) und Petrus Abaelard (1079 - 1142) auf das vernünftige Denken, den begründeten Zweifel und die Skepsis gegenüber Autoritäten. Die Scholastik bereitete den Weg für Descartes ebenso wie für die Aufklärung.

Mit der territorialen Verfestigung der Herrschaften zu Staaten und der Erfindung von Schießpulver, Gewehren und Kanonen veränderte sich der Krieg. Stehende Heere zogen als marodierendes Berufskriegertum plündernd durch die Lande. Hinzu kamen Hungerkatastrophen und Bauernaufstände. Die große Pest (1347/48) raffte die Hälfte der Bevölkerung dahin. In diesem gewaltgesättigten Klima entstanden im 14. und 15. Jahrhundert die modernen Staaten, die ihrerseits ihr Gewaltmonopol nur mit forcierter Gewalt durchsetzen konnten.

Kontinent der Prostitution

Wenn man Le Goffs souverän erzählter Geschichte über die Wurzeln Europas im Mittelalter etwas vorwerfen will, dann seine zuweilen etwas angestrengte Suche nach solchen Wurzeln. In der Perspektive der „longue durée“ hat fast alles „mittelalterliche“ Wurzeln: Aus der Zulassung von Bordellen in einigen europäischen Landstrichen bereits im 13.Jahrhundert zum Beispiel schließt Le Goff forciert auf die Geburt des „bis heute umstrittenen Europa der Prostitution“ oder beschwört die predigenden Bettelmönche als Erfinder eines „Europa des gesprochenen Worts“. Solche Verstiegenheiten tangieren jedoch die Bedeutung des Buches für gediegene Aufklärung über das unverstandene Mittelalter keineswegs.

Jacques Le Goff: Die Geburt Europas im Mittelalter. Aus dem Französischen von Grete Osterwald. C.H. Beck, München 2004. 334 Seiten, 24.90 €

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