Kultur : Aller Raster Anfang

KNUT EBELING

Die Geschichte der Zeichenkunst ist gespickt mit Vergleichen von Kunst und Sprache.Angefangen von den ersten Höhlenzeichnungen bis hinein in die Brüche der Moderne wurde die Zeichnung stets als die am stärksten durchgeistigte Form bildnerischen Schaffens gewürdigt.Die Zeichnung ist dem Denken am nächsten."Zeichnung ist eine andere Art von Sprache" schreibt denn auch der US-amerikanische Künstler Richard Serra an den Sammler Wynn Kramarsky, der eine der weltweit gesuchtesten Sammlungen von Zeichnungen der amerikanischen Nachkriegsmoderne besitzt.Ab Sonntag gastieren ausgewählte Konvolute seiner Sammlung in der Berliner Akademie der Künste.Ein selten erlesener Gast.Ihm hat man nicht nur das gesamte Obergeschoß des Akademiegebäudes im Tiergarten zur Verfügung gestellt; man hat ihm auch ein hochkarätiges Rahmenprogramm beigesellt, Symposien und Soirées, Gesprächsrunden und Konzerte.Eine Gilde von West-Berliner Galeristen grüßt mit dem, was sie zum Thema amerikanische Nachkriegsmoderne zu bieten hat.Die Kunstszene einer Stadt verbeugt sich.Das Gesamtprogramm ist auf einem einzigen Blatt Papier beinahe unleserlich zusammengezwängt.

Doch was sagt der Gast? Und: Was spricht er für eine Sprache? Das Erste, was man aus der Ausstellung "Zeichnen ist eine andere Art von Sprache" lernt, ist, daß die Zeichnung irgendwann anfing, eine Fremdsprache zu sprechen.In der Geschichte der neueren Zeichenkunst hat zu einem bestimmten Zeitpunkt eine ebensolche Sprachverwirrung eingesetzt wie in der modernen Literatur.Man versteht kein Wort mehr.Die Zeichnung spricht die Sprache der Dinge und des Materials, der Geste und des Körpers - aber nicht mehr die Sprache des Menschen.Die Sprache der Zeichnung hat sich von ihrem Schöpfer emanzipiert.Und so ist die Ausstellung - neben dem erneuten Rekurs auf die ungeheure Potenz der amerikanischen Nachkriegsmoderne, die auf dem Kontinent unbeantwortet blieb, wo die Ecole de Paris von der New York School abgelöst wurde - eine Elegie auf das, was einmal mit dem Begriff der Autonomie des Bildes beschrieben wurde.

In nur wenigen Jahren wurde der Raum des abendländischen Bildes in seiner Gesamtheit neu durchmessen.Seitdem vernehmen wir nurmehr das Murmeln des Materials.Der Eindruck, daß die Zeichnung heute eine andere Sprache spricht, liegt sicher an der Auswahl des Sammlers.Seine Sammlung besteht ausschließlich aus abstrakter Zeichenkunst und verzichtet auf jedes figurative Element.Pop und Gestik sucht man vergeblich.Stattdessen gilt seine Vorliebe dem Reduzierten und Konzeptuellen, dem Minimalistischen und Post-Minimalistischen.Eine Oase der Trockenheit also.

Und doch ist kaum eine andere Sammlung so geeignet wie die von Mr.Kramarsky, die Vielfalt des Abstrakten vorzuführen.Das kommt zunächst von ihrer Geschlossenheit; man kann fünf Phasen der Sammlung unterscheiden: Die Vätergeneration des abstrakten Expressionismus um Ad Reinhardt und Barnett Newman wird gefolgt von Jasper Johns, Ellsworth Kelly und Frank Stella, dem Wegbereiter der Minimal Art.Die Minimal-Künstler wie Sol LeWitt, Donald Judd oder Carl André werden ihrerseits überholt von den Postminimalisten Eva Hesse, Robert Smithson oder Robert Morris.Danach kommt die Sintflut des Stilpluralismus: Blätter, die jeder Kategorisierung entgehen, von Künstlern, deren Namen man noch nie gehört hat.Ihnen gemein ist die Steigerung der Rücknahmen, die Dramaturgie der Reduktion, all die Narzismen des Nichts, die die Kunst der Nachkriegsmoderne bevölkerten.

Die Verteilung auf entdeckte und unentdeckte Meister hat Methode; mit "names and newbies" umreißt der Sammler sein Konzept.Daß es aufgeht, zeigt nicht zuletzt die Berliner Ausstellung.Jedes Blatt veranschaulicht eine intime Korrespondenz mit einem anderen, ganz unabhängig von Rang und Namen.So bilden die Blätter eine Art stilles Tagebuch ihres Käufers.In diesem Tagebuch findet man die Sprache wieder, die man vorher verloren glaubte: Es gibt in der Ausstellung Dialoge zwischen Blättern und Gespräche mit mehrerern Teilnehmern; es gibt Monologe und ganze Gesprächsrunden.

Ein Thema heißt Linie, das andere Raster; eines Umriß und eines Inhalt; eines Fläche und eines Leere.Man könnte unzählige weitere Themen ausmachen im Rauschen des Blätterwaldes.Die Berliner Ausstellung wird diesen Verwandtschaften jenseits der Stile durch eine aufwendige assoziative Hängung gerecht.Kurator Christian Schneegass macht sowohl mikroskopische Ähnlichkeiten sichtbar, als auch übergreifende Schichtungen.Seine Ausstellung ist eine Schule der Differenz.

Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, Di-So 10-19 Uhr, Mo 13-19 Uhr, Mittwochs Eintritt frei; bis 25.4..Katalog 48 Mark; Symposium 21.-23.2.; Konzert 21.2., 20 Uhr; Podiumsgespräche 23.2., 14 Uhr; 21.4., 19 Uhr.

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