Kultur : Aller Schmutz ruft: Hier!

ULRIKE BAUREITHEL

Es gehört zu den Eigenheiten der kulturellen Ventilation, daß in einer Zeit, wo der Körper nur noch als lästige, zu nährende und zu pflegende Hülle erscheint, ein Hindernis in der Mobilität des substanzlosen Netzes, immer mehr Theoretiker darauf verfallen, den Körper in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen zu rücken.Ob es sich dabei um eine letzte Reminiszenz angesichts seiner überfälligen "Entsorgung" handelt oder um eine ernstzunehmende Intervention für ein antiquiertes Detail, sei dahingestellt.Was aber meinen wir überhaupt, wenn wir vom Körper sprechen? Ist der Körper eine vorgängige Einheit oder nicht vielmehr ein Ort unterschiedlichster kultureller Zu- und Einschreibungen? Und wenn er als "Zeichen" fungiert, dient er dann nicht auch wieder als Projektionsfläche für unsere Wünsche und Ideen?

Diese Frage stellte der in Rostock lehrende Literaturwissenschaftler Helmut Lethen zum Abschluß des Brecht-Zyklus, den das Literaturforum in der Chausseestraße seit Februar präsentiert.Lethens Durchgang durch Brechts Körperbilder in der frühen Lyrik verhakten sich an einem auffälligen Phänomen.Der bekanntlich extrem wasserscheue junge Mann nämlich inszeniert Wasch- und Reinigungsrituale ohne Ende: "So geht es mit dem Linnen / So geht es auch mit mir: / Die schnellen Wasser rinnen / Und aller Schmutz ruft: Hier!" Sein Faible für Feuchtbiotope führt Brecht in die Seen und Sümpfe, wo er verwesenden Wasserleichen die letzte Ehre gibt, auf eine Weise, die allen bürgerlichen Personenkult hinter sich läßt.

Im "Sonett" von 1925 etwa, das Lethen ins Zentrum stellte, bleibt die Erinnerung an die Geliebte verschwommen.Sie wird aufgerufen im Gestus des Vergessens und markiert vom Zerrbild der Anderen, eine leere Matrix für die männliche Spiegelsucht.Die Schrift indessen garantiert, daß sich der Künstler vom eigenen Körper distanzieren kann, das Zeichen vertritt den abwesenden Körper - aber eben nicht ohne Rest.Denn sowenig sich der Körper nur als reine Materie behaupten kann, so unmöglich ist es, ihn völlig aufzulösen im Geist.Brecht war sich der Widerständigkeit des "sturen Körpers" (G.Anders) wohl bewußt, als er seine Figuren an jene existentiellen Grenzen schickte, wo sie ihr Leibsein vergessen sollten: "Bitte tragt mich in einen dunklen Schuppen", heißt es im Lindberg-Flug, "damit keiner sehe meine natürliche Schwäche."

So übt sich das Brechtsche Personal in Verhaltenslehren ein, die Figuren der Distanz, des Vergessens und der Kälte produzieren.Die Entwürfe dieser schmerzresistenten Körper bilden, so glaubt Lethen, den Kontrast zu den zwielichtigen Leibbildern der Gedichte.Aber sind sie wirklich ein Widerspruch? Ergänzen sie sich nicht vielmehr darin, daß das, was von den reduzierten Männerkörpern - und um solche handelt es sich - abgezogen wird, wieder aufgefüllt wird, gerade auf der leeren Matrix des (Frauen-)Körpers? Die Diskussion, die als "Nachschlag" im Brecht-Haus gereicht wurde, entspann sich nicht nur am mitunter recht konventionellen Brechtschen Geschlechterdualismus.Waren jene, wurde weiterhin gefragt, die das humanistische Ganzheitsideal vertraten und am Ende die Säuberungsmaßnahmen Stalins rechtfertigten, nicht etwa die schlimmeren Barbaren, als dieser eine, der die Körper unter Beweiszwang nahm, bis sie, in Stücke zerfetzt, schließlich das "Werk" zusammenfügten?

Die Logik des Extrems, so Lethen, hatte ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten, und in der ersten Republik waren die "gemäßigten Zonen" unter Intellektuellen wenig populär.Brechts Bilder der mobilen Gesellschaft, in der die vergewaltigten Körper als "Zeichen" zirkulieren, sind, wie kürzlich Richard Sennett eindrucksvoll demonstrierte, bis heute aktuell.Die Logik des Extrems entfaltet sich nicht nur als politischer Härtefall.

0 Kommentare

Neuester Kommentar