Kultur : Aller Zorn weicht Zartheit

Zum 85. Geburtstag von Jorge Semprún

Peter von BeckerD

Jorge Semprún, der große madrilenische Schriftsteller, ehemaliger kommunistischer Widerstandskämpfer, Überlebender des KZs Buchenwald, von 1988 bis 1991 spanischer Kulturminister, er lebt seit langem in Paris und spricht Französisch wie seine Geburtssprache, dazu parliert er Englisch und Deutsch. Freilich gilt er zuallererst als spanischer Autor. Doch von den vielen Romanen, Essays, Dramen und Drehbüchern für weltberühmte Filme („Der Krieg ist vorbei“ von Alain Resnais oder der oscargekrönte Politthriller „Z“ von Costa Gavras) ist nur eines auf Spanisch geschrieben: Semprúns Autobiografie, die er als die Geschichte von „Federico Sánchez“ erzählt. Unter diesem Decknamen war er von 1953 bis 1962 als ZK-Mitglied der illegalen Kommunistischen Partei in Spanien der meistgesuchte Gegner der Franco-Diktatur.

Als wir uns zuletzt im Pariser Café Flore trafen, spöttelte Semprún, der heute seinen 85. Geburtstag feiert, auch über die „Gauche Kaviar“ (die Salon-Kommunisten) – selber ein „Sozialist ohne Dogma und Partei“, ein weltbürgerlicher Heimatloser. Spaniens KP stieß ihn 1964 aus; davor hatte Semprún die Irrtümer der europäischen Linken längst erkannt. Auch das machte ihn zum Schriftsteller. Ich habe ihn einmal gefragt, wie das mit seinen Büchern in Spanien sei, ob sie ohne seine Mitwirkung aus dem Französischen in seine Muttersprache übertragen würden. Semprún lächelte und sagte: „Ja, das machen meine Übersetzer, ich schaffe das nicht. Denn dann müsste ich meine Bücher noch einmal schreiben!“

So kommt er sich selber buchstäblich spanisch vor: als Fremder in den eigenen Büchern, im eigenen Land. Andererseits betont er, und davon erzählen seine mit Erfahrung und Fantasiekraft aufgeladenen Bücher seit 45 Jahren, seit der „Großen Reise“ oder „Was für ein schöner Sonntag“: Jorge Semprún ist durch die Jahre 1943 bis ’45 als gefolterter, deportierter politischer Häftling zum lebenslangen Zeugen geworden. In der notwendigen Erinnerung ist er an Buchenwald gebunden und dort durch Gefangenschaft und Befreiung zum zweiten Mal geboren worden. In dieses komplizierte Überlebensgeflecht dringt auch Franziska Augsteins vorzügliche Biografie „Von Treue und Verrat“ (C. H. Beck, 382 S., 24,90 €). Schon im Titel ist das Spannungsfeld eines linken Kämpfers und Intellektuellen im 20. Jahrhundert benannt. Aller Zorn aber ist bei Semprún heute der altersheiteren Zartheit eines großherzig freundlichen Mannes gewichen. Das nimmt ihm nichts von der wachen Klugheit und Kraft der Erinnerung. Felicitación, joyeux anniversaire!Peter von Becker

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