Kultur : Allergisch gegen Propaganda

Edith Heller

Warum Bogdan Musial, polnisch-deutscher Historiker, die umstrittene Ausstellung stoppteEdith Heller

Bogdan Musial kann immer noch nicht fassen, dass die Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht tatsächlich geschlossen wurde - und das wenn nicht ausschließlich, so doch in erster Linie auf Grund seiner Kritik. "Jahrelang haben sie die Ausstellung tabuisiert und keine Kritik hören wollen - und jetzt plötzlich so ein radikaler Schritt", sagt der 39-jährige Historiker, der aus Polen stammt und heute einen deutschen Pass hat. Die Hartnäckigkeit, mit der er als Kritiker gegen die Schau des Hamburger Instituts für Sozialforschung vorging, hätte ihn beinahe seine wissenschaftliche Karriere gekostet.

Die seit 1995 in zahlreichen deutschen und österreichischen Städten gezeigte Wanderausstellung wurde vorläufig für drei Monate geschlossen, weil Musial nachweisen konnte, dass mindestens neun der 1433 präsentierten Fotos stalinistische Verbrechen zeigen und weitere zwei Dutzend Bilder zumindest fragwürdig sind. Kritik kam auch von dem Ungarn Krisztian Ungvary. Da nur ein geringer Teil der Ausstellungsfotos tatsächlich Verbrechen dokumentiert - der Rest sind Passfotos und allgemeine Kriegsszenen -, ist dieser Vorwurf durchaus erheblich. Die Verbrechen der Wehrmacht, so versichert Musial, wolle er weder bestreiten noch relativieren: Im Deutschen Historischen Institut in Warschau arbeitet er gerade an einem Buch, das sowohl deutsche als auch stalinistische Kriegsverbrechen im Jahr 1941 dokumentieren soll.

Der Pole, der in Deutschland studiert hat, ist auf Umwegen zur Geschichtswissenschaft gekommen. Bis zu seinem 25. Lebensjahr arbeitete der Bauernsohn aus dem südpolnischen Galizien als Bergmann unter Tage. Da er sich außerdem in der damals verbotenen "Solidarnosc" engagierte, war er Schikanen ausgesetzt und entschloss sich 1985 zur Emigration nach Deutschland. "Ich war allergisch gegen jegliche Propaganda und bin es bis heute geblieben", sagt er von sich selbst. In Deutschland trat er noch vor Erhalt der deutschen Staatsbürgerschaft der SPD bei: "Ein Rechter bin ich nie gewesen", versichert er. "Kontakte in die rechte Szene", die ihm der "Spiegel" in seinem jüngsten Bericht nachsagt, bestreitet Musial entschieden: "Das wird richtig gestellt. Ich habe alle Angebote aus dieser Richtung, Gespräche, Vorträge, finanzielle Unterstützung, stets zurückgewiesen", versichert er.

Nachdem er Asyl und schließlich die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten hatte, studierte Musial auf dem zweiten Bildungsweg Geschichte. Als Doktorand der Universität Hannover sah er die Ausstellung 1997 zum ersten Mal und wusste gleich: "Da stimmt was nicht." Stutzig gemacht haben ihn einige Einzelheiten auf den Bildern - etwa dass sich einige der abgebildeten Soldaten Taschentücher vor Mund und Nase hielten, was auf einen starken Verwesungsgeruch hindeutete. Die Fotos konnten also nicht unmittelbar nach der Erschießung aufgenommen worden sein. Ein noch genaueres Studium der grausigen Einzelheiten führte Musial zu dem Schluss, dass es sich um exhumierte Leichen handeln musste. Da die Wehrmacht ihre Opfer nicht ein- und wieder auszugraben pflegte, lag die Vermutung nahe, dass es sich um Opfer der stalinistischen Massen-Erschießungen nach dem deutschen Einmarsch 1941 handelte, die auch deshalb wieder ausgegraben wurden, weil Hitler und Goebbels die russischen Gräueltaten für ihre Propagandazwecke sehr gelegen kamen.

Musial gelang es relativ rasch, diese Vermutungen durch Recherche in polnischen Archiven und Gespräche mit Augenzeugen zu belegen. Im Herbst 1997 schrieb er an Ausstellungsleiter Hannes Heer, dass drei der Fotos nicht Opfer der Wehrmacht, sondern die Exhumierung von stalinistischen Opfern im ukrainischen Zloczow zeigten. "Ich wollte mithelfen, die Ausstellung zu verbessern, wurde aber sofort mit den rechten Kritikern in eine Ecke gestellt", erinnert er sich nicht ohne Bitterkeit. Ein Mitarbeiter Heers, der Musial im Februar 1998 antwortete, bestritt die Einwände nicht. Da sich unter den Leichen jedoch "mit großer Wahrscheinlichkeit" auch von ukrainischen Nationalisten erschlagene Juden befänden, sehe er keine Notwendigkeit, die Bilder zu entfernen. "Nicht einmal die falschen Bildunterschriften wurden korrigiert", empört sich Musial noch heute.

Die Abweisung brachte den Kritiker erst richtig auf Trab. "Für mich war es ungeheuerlich, dass Leute, die den Anspruch erheben, ein Tabu zu brechen, um moralisch etwas zu bewirken, das Gedenken an die Opfer des Kommunismus für eigene Zwecke missbrauchen", sagt Musial heute. Nachdem sein Versuch, die Ausstellungsmacher unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu einer Korrektur zu bewegen, fehlgeschlagen war, wandte er sich an die Medien - und handelte sich eine Klage des Ausstellungsleiters ein. Musial hatte in einer Presseerklärung behauptet, Hannes Heer habe auf seine Kritik "nicht reagiert". Er verlor den Prozess, weil Heer das Gericht überzeugen konnte, dass er sehr wohl "reagiert" habe - wenn auch nicht im Sinne des Kritikers. Noch heute muss Musial die Schulden für die Prozesskosten abbezahlen.

Später klagte Musial selbst, weil "eine Rufmord-Kampagne gegen mich geführt wurde". Das Institut verschickte an namhafte Historiker in Deutschland und Polen Ausschnitte aus rechten Publikationen, in denen Musial gelobt wurde. Damit sollte offenbar Nähe zur rechtsradikalen Szene suggeriert und die weitere wissenschaftliche Karriere des mittlerweile promovierten Historikers unterbunden werden. Da das Institut außerdem behauptete, erst aus der Presse von Musials angeblichen Belegen erfahren zu haben, hatte der Pole eine Handhabe zur Gegenklage - und diesmal gewann er den Prozess. Aber erst sein wissenschaftlicher Aufsatz in den renommierten "Vierteljahresheften für Zeitgeschichte", der im Oktober veröffentlicht wurde und in dem er zahlreiche Fehler der Ausstellung mit akribischer Genauigkeit belegte, brachte den Durchbruch. "Heute weiß ich, ich hätte gleich diesen Weg gehen sollen. Dann hätte ich mir vieles erspart", meint Musial heute. Inzwischen hat der Leiter des Hamburger Instituts, Jan Philipp Reemstma, den früher geschmähten Kritiker zur Mitarbeit an der Korrektur der Ausstellung eingeladen. "Worin diese Mitarbeit im Einzelnen bestehen soll", sagt Musial allerdings, "wurde noch nicht geklärt."

Beobachter der Debatte hatten bemerkt, dass nicht deutsche Wissenschaftler, sondern erst solche aus Polen und aus Ungarn genau hinsahen und Fehler nachwiesen - eben Musial und sein Kollege Ungvary. Diese Deutung aber gefällt Musial nicht: "Ich bin ein deutscher Historiker."

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