Kultur : Allerlei und Abenteuer

Kerstin Decker

Dieser Film handelt vom Grafen von Monte Christo. Soweit die Kritik. Wir haben nichts verschwiegen, nichts überinterpretiert, nichts vergessen und nichts weggelassen. Jeder muss die Entscheidung nun selbst treffen - pro oder contra "Montecristo". Bleiben noch ein paar Zeilen übrig.

Erwähnen wir den Regisseur. Regie hatte Kevin Reynolds. Kevin Reynolds ist der, der zuletzt mit "Robin Hood - König der Diebe" auffiel. Und das, obwohl vor ihm schon andere Filme gemacht hatten über Robin Hood, den Rächer der Enterbten. Aber das hat wirklich niemanden gestört. Schließlich wollten alle wissen, was Reynolds über Robin Hood dachte. Kann sein, dass ihn das auch zu seiner neuen Tat ermutigt hat. Denn - sprechen wir es ruhig aus - auch der Graf von Montre Christo ist als Kino-Thema nicht so ganz neu.

Der erste Film ist von 1908. Andere folgten. Dann 1942 der erste "Graf von Monte Christo" in zwei Teilen. Von Robert Vernay. 1. Teil "Glück und Verbannung", 2. Teil "Heimkehr und Rache", insgesamt 183 Minuten. Man hält diesem "Grafen von Montechristo" zugute, dass er die etwas unübersichtlichen Handlungslinien des Romans von Dumas mediengerecht vereinfacht habe - leider auf Kosten einer gewissen psychologischen Tiefe. Die nächste Verfilmung heißt "Der Graf von Monte Christo" und ist von 1953. Gleicher Regisseur, gleicher Autor, gleiche Handlung, wieder zwei Teile, alles wie vorher, aber eine entscheidende Abweichung: Dieser "Graf von Monte Christo" ist fünf Minuten länger. Und außerdem in Farbe. Die folgende Verfilmung des "Grafen von Monte Christo" trägt den Titel "Der Graf von Monte Christo", ist von 1961 und kommt mit verblüffend knappen 175 Minuten aus. Es folgt ein Film "Der Graf von Monte Christo", produziert in Frankreich und Italien 1961, worauf ein Film mit dem überraschenden Titel "Der Graf von Monte Christo" das Licht der Leinwand erblickt.

Wir unterbrechen die Reihe an dieser Stelle. Es ist wirklich nicht gelungen, den "Grafen von Monte Christo" unserer Kindheit zu identifizieren. Vielleicht muss das so sein. Für alle, die ab heute Reynolds "Grafen von Monte Christo" sehen, wird dieser neue Film und mit ihm Jim Caviezel der einzig wahre "Graf von Monte Christo" sein, dabei ununterscheidbar von seinen Vorgängern und Nachfolgern. Eines aber fällt vor diesem historischem Hintergrund sofort auf: das, nunja, stark Prätentiöse des Titels. "Montecristo". Ohne H und dann noch zusammen. Und der Graf ist gar nicht erwähnt. Sowas kann nur in einer Zeit passieren, der Auffallen alles ist und Abweichung als Tugend gilt.

Sprechen wir nicht wirklich eingehend davon, dass keine Zeit ganz frei ist von solcher Neuerungssucht. Hätte es sonst zu so schmerzlichen Abirrungen kommen können wie der "Gräfin von Monte Christo" (USA 1946), dem "Rächer aus dem Sarg", "Flucht von der Teufelsinsel", "Heimkehr nach Monte Christo", "Das Rätsel von Monte Christo", "Das Schwert des Grafen von Monte Christo", "Die Stunde der Vergeltung" oder das "Testament des Grafen von Monte Christo"? Wir denken: nein. Wir wissen: nein. All diesen Filmen ist gemein, dass sie sich gar nicht um den Roman scheren. In "Heimkehr von Monte Christo" machen sich Feinde des Grafen gar auf den Weg, um den Namen und das Erbe des Grafen zu erobern. Solche Niedertracht hat bei Reynolds keinen Platz. Denn das Zeitalter der Autorenfilmer ist ein für alle mal zu Ende. Nicht mal einen ewigen Michael Kohlhaas will Reynolds aus dem Grafen machen. Und auch keine Moritat zur Frauenemanzipation erzählen. Sein "Montecristo" ist wie aus dem Bioladen. Garantiert naturbelassen.

Bioladen? Aber das ist doch gefährlich. Gerade jetzt. Nach Erfurt. Denn erinnern wir uns nur einmal, worum es geht. Um Rache. Einer kommt zurück auf die Welt, nur mit einem Ziel: alle umzulegen, die ihm einst das Leben verdorben haben. Und das macht er dann. Ist das nicht wie Robert Steinhäuser, wenn er seine Erfurter Schule betritt? Was hält diesen Grafen denn am Leben? Hass. Blinder Hass. Dürfen wir unsere Kinder wirklich dem "Grafen von Monte Christo" ausliefern?

Deshalb: als nächstes bitte wieder eine stark verfremdende Version. Denn eigentlich ist dieser Graf Edmond doch eine Dostojewski-Figur. Und bei Dumas war sie nur im Exil. Das haben wir bei dem "Monte Christo" unserer Kindheit nur noch nicht gewusst.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben