Kultur : Alles auf Anfang

Katrin Wittneven

Wie silberne Sprechblasen schweben sie an der Decke der Galerie, einigen ist schon die Luft ausgegangen und jeden der schimmernden Ballons wird das gleiche Schicksal ereilen. Wer wird der nächste sein – diese Frage wurde in den achtziger Jahren in der Schwulenszene von New York mit einem Schlag existentiell. Während andere Aids noch verschwiegen, setzte sich die 1969 in Toronto gegründete Künstlergruppe General Idea in ihren konzeptuellen Arbeiten ganz konkret auch mit der Krankheit auseinander, die viele Freunde, Kollegen und schließlich auch die beiden Mitglieder Jorge Zontal und Felix Partz traf. 1992 inszenierte die Künstlergruppe in der New Yorker Stux Gallery die Ausstellung „Magi©Bullet“ mit heliumgefüllten silbernen Ballons in der Form von Arzneikapseln, die über einem Bett aus Neonröhren schwebten. Eine Reminiszenz an Warhols „Silver Clouds“, die wie eine umgedrehte Bonbon-Schüttung von Felix Gonzalez-Torres wirkt, die federleicht unter der Decke hängt. General-Idea-Mitglied AA Bronson hat in der Galerie Esther Schipper (Linienstraße 85, bis 29. Juli) diese eindrucksvolle Arbeit wieder aufleben lassen, die mit anderen frühen Werken des Künstlerkollektivs die aktuelle General-Idea-Ausstellung in der benachbarten Institution Kunst-Werke Berlin ganz vorzüglich ergänzt. Auch für Esther Schipper ermöglicht die Ausstellung einen Blick zurück, eröffnete sie 1989 doch ihre Galerieräume mit General Idea. Eine wunderbare Wiederbegegnung, nicht zuletzt, weil die Künstlergruppe selbst für viele junge Künstler längst eine Referenz geworden ist.

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Auch in der Galerie Nordenhake (Zimmerstraße 88, bis 29. Juli) besinnt man sich auf die Anfänge. Seit seiner ersten Ausstellung 1976 zeigt Claes Nordenhake die abstrakten Bilder des 1911 geborenen schwedischen Malers Olle Baertling . Der 1981 verstorbene Autodidakt war ein Forscher unter den Malern, der mit seinen waghalsigen Diagonalen und bewusst künstlichen und kontrastierenden Farben wie Türkis und Purpur seiner Zeit einmal weit voraus war. In den fünfziger Jahren entwickelte er sein System der „Offenen Form“ und erhielt internationale Anerkennung. Auch Baertling inspirierte junge Künstler wie Tobias Rehberger und gleichzeitig wirkt die retrospektiv angelegte Ausstellung heute wie eine Sommerreise in die Vergangenheit (Preise auf Anfrage).

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