Kultur : Alles auf Anfang

Jörg Königsdorf

Unter den zahlreichen Dirigenten, die versuchen, die Erkenntnisse historischer Aufführungspraxis für reguläre Sinfonieorchester fruchtbar zu machen, ist keiner so konsequent wie Roger Norrington . Kompromisslos beharrt Sir Roger darauf, dass die Streicher auf den schlackenlosen Edelsound verzichten, der seit Karajan der Stolz aller Luxusklangkörper ist und lässt das Vibrato, das den Klang normalerweise airbagartig aufplustert, nur als streng dosiertes Ausdrucksmittel zu. Das Ergebnis klingt, als ob ein Schleier weggezogen worden ist, der vorher über der Musik lag. Sein Stuttgarter Rundfunkorchester hat Norrington in den vergangenen acht Jahren ganz auf die historische Linie eingeschworen, und die gerade im Entstehen begriffene Aufnahme der Sinfonien Gustav Mahlers ist sicherlich die Krönung dieser Zusammenarbeit – und gleichzeitig auch ihr kontroversestes Produkt. Die Mahler-Sinfonien gelten schließlich als Daseinsberechtigung für den herkömmlichen Orchesterklang, der sich zum Gutteil an ihnen entwickelt hat.

Beim Deutschen Symphonie-Orchester hat Norrington einen anderen Favoriten aufs Programm gesetzt: den französischen Erzromantiker Hector Berlioz, dessen Orchestrierungskunst besonders von Norringtons akribischer Restitutionsarbeit profitiert. Denn während eine Mahler-Sinfonie auch dann noch imposant wirkt, wenn sie mittelprächtig gespielt wird, entfaltet die Musik Berlioz’ ihre suggestive Wirkung erst, wenn man es ganz genau mit ihr nimmt. Für eine stilvolle Einstimmung auf die Weihnachtstage soll das selten gespielte Oratorium „L’enfance du Christ“ („Die Kindheit Christi“) bürgen – am Freitag als Benefiz für „Brot für die Welt“ in der Dahlemer Jesus-Christus-Kirche und am Samstag ganz regulär in der Philharmonie – für alle, die ihr Spendensoll schon erfüllt haben.

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