Kultur : Alles bleibt beim Neuen Wie sich das Festival verändert

von

Was ist denn hier passiert? Als sich das Theatertreffen vor einigen Tagen auf einer Pressekonferenz vorstellte, wähnte man sich für kurze Zeit im falschen Gebäude. Nicht im Haus der Berliner Festspiele, sondern im Hörsaal der Theaterwissenschaft. Thomas Oberender, der neue Intendant, kam bei der Vorstellung des Programms vom hermeneutischen Hölzchen aufs Stöckchen und von Peter Handke über Peter Szondi zu Peter Brook.

Am heutigen Freitagabend beginnt das Theatertreffen 2012, und da hängen ein paar Fragen in der Luft: Ist das klassische Regietheater, das die tausendste Interpretation eines klassischen Stückes versucht, noch zeitgemäß? Erfassen dokumentarische Stücke, von Regiekollektiven entwickelt, nicht viel mehr von der viel beschworenen Gegenwart? Andererseits: Sind diese Dokumentarabende dann noch das, was wir meinen, wenn wir von Theater sprechen?

Die nostalgische Theatertreffenselbstverständlichkeit, das merkt man in diesem Mai schlagartig, ist endgültig vorbei. Bisher war es ja, vereinfacht gesagt, so: Es gab auf dem Theatertreffen das repräsentative Hauptprogramm, das die herausragendsten Inszenierungen des Jahres präsentierte, und daneben die Branchentreff-Sektionen, die Veranstaltungen des inneren Zirkels, das Internationale Forum, bei dem Theatermacher aus allen Ländern zusammenkommen, oder den Stückemarkt, bei dem Texte junger Autoren präsentiert werden. Vorn also das große Theaterschaufenster, hinten die Experimente und das Ringen um Relevanz. Vorn die Show, hinten der Diskurs. Ganz früher einmal, lange ist es her, deckten sich diese Ebenen: Es war die Zeit des politischen Regietheaters der Zadeks und Steins, später der Schleefs und Castorfs.

Diese zwar gemütliche, aber überholte Teilung ist nun Vergangenheit – ebenso wie die Zeit der sogenannten Regietitanen. Das Theatertreffen öffnet sich. Nicht zum ersten Mal, aber allem Anschein nach ist diese Veränderung nun irreversibel. Das Programm wird interdisziplinärer, internationaler (Autoren des Stückemarkts müssen nicht mehr Deutsch schreiben), vernetzter. Nie wurden so viele kollektiv erarbeitete Arbeiten ausgewählt wie in diesem Jahr. Das Theatertreffen wird aber nicht nur selbstreflexiver, sondern gleichzeitig noch insiderischer und, aus Versehen, elitärer. Die meisten der Kollektiv-Abende sind für ein kleines Publikum konzipiert, was dazu führt, dass es auf dem freien Markt so gut wie keine Karten gibt und der Anschluss an die Gegenwart manchmal hinter so gut wie verschlossenen Türen stattfindet.

Aber es zeigt sich auch: Ein Theatertreffen ohne Shakespeare und Tschechow lässt sich nicht denken. Und Sarah Kane, die so jung Verlorene – eine Trilogie ihrer Stücke eröffnet das Theatertreffen im Haus der Berliner Festspiele – ist fast schon ein Klassiker. Andreas Schäfer

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben