Kultur : Alles Ein-Topf

FREDERIK HANSSEN

Es gibt in deutschen Behörden verschiedene Arten von "Mitzeichnungsmappen": Zum Beispiel solche, auf denen ein warnendes "Eilt!" prangt.Aber auch solche, die kein derartiger Aufdruck ziert - und die damit signalisieren, daß es mit der Bearbeitung ihres Inhaltes wohl nicht ganz so schnell gehen muß.In so eine Mappe scheint im Januar 1996 der Auftrag des Berliner Senats an seinen Kultursenator Peter Radunski geraten zu sein, eine neue Förderstruktur für kleinere und mittlere Privattheater sowie für die Off-Szene der Stadt zu erarbeiten.Anlaß war die Klage der fast 400 Berliner Freien Gruppen, es könne nicht angehen, daß acht West-Berliner Theater ungeprüft jährlich 15 Millionen Mark kassierten, während alle übrigen Truppen sich um ein paar Krümel von dem verbleibenden Acht-Millionen-Kuchenstück balgen müßten.Ein Argument, das auch den Politikern einleuchtete.Also forderten sie ein neues Modell, das vor allem eine "Durchlässigkeit in den Förderarten" gewährleisten sollte.Im Klartext: Einigen der bisher dauersubventionierten Privattheatern mußte es an den Kragen gehen, wenn Mittel frei werden sollten, um besonders verdiente freie Gruppen finanziell besser ausstatten zu können.

Erst wartet Radunski ab ...

Eine Idee, die in der Off-Szene verständlicherweise auf Begeisterung stieß.Überall schossen Arbeitsgruppen aus dem Boden, die sich die Köpfe darüber zerbrachen, nach welchen Kriterien das Geld zukünftig verteilt werden sollte.Ideen kamen auf und wurden verworfen, Podiumsdiskussionen wurden erhitzt geführt und verliefen im Sande.Aber die Szene war in Bewegung.Die Privattheater dagegen hielten lieber still.Und auch Off-Szenen-Fan Peter Radunski ("das ist der Humus von Berlin") ging die Angelegenheit erst einmal gelassen an: Eineinhalb Jahre ruhte der Koalitionsauftrag sanft in einer dieser "Hat noch Zeit"-Mappen im Schreibtisch des Senators.Irgendwann aber aber muß ihm jemand aus seiner Behörde gesteckt haben, daß die Amtszeit des Beirates, der ihn bislang bei der Geldvergabe an die Freien Gruppen unterstützte, im Sommer 1998 endete und bis dahin also möglichst die neuen Ein-Topf-Förderrichtlinien vorliegen sollten.

Von da an ging plötzlich alles ganz schnell: Der Koalitionsauftrag wanderte in die "Eilt"-Mappe, zum 1.Oktober 1997 wurde ein Gutachter bestellt, der in Rekordzeit bis zum 29.April die gesamte Berliner Szene evaluierte und sich dadurch in die Kritik manövrierte, während der Senator ihm applaudierte.Schon am 4.Mai diskutierte man die Gutachten im Kulturausschuß, meldete Zweifel an und setzte eine Expertenkommission zur Nachbesserung ein, die innerhalb von zwei Wochen die Richtlinien fix überpolierte, bevor sie zur allgemeinen Überraschung in allerletzter Sekunde vor der Sommerpause am 30.Juni den Senat passierten und Tags darauf in Kraft traten.Da die offizielle Absegnung durch das Abgeordnetenhaus im September als Formsache gilt, soll die neue Ein-Topf-Jury bereits in den nächsten Tagen zusammengetrommelt werden, ab August ihre Arbeit aufnehmen und zum Oktober ihre Entscheidung treffen.

dann schlägt er zu

Ein genialer Coup des Kultursenators: Mit seinem Geschwindmarsch durch die Instanzen hat er alle Bedenkenträger derart überrumpelt, daß die Angelegenheit längst unter Dach und Fach war, bevor sich eine Opposition gegen das neue Modell überhaupt formieren konnte.Was durchaus nötig gewesen wäre: Denn nicht nur, daß Radunski mit seinem Gutachter sämtliche ernstzunehmenden Vorschläge aus der Szene wortlos vom Verhandlungstisch fegte, er schaltete ebenso nebenbei auch das einst hart erkämpfte Prinzip eines basisdemokratisch gewählten Geldvergabegremiums aus.Statt alle sieben dürfen die Berliner Theatermacher zukünftig gerade noch zwei Mitglieder der verkleinerten Jury vorschlagen, die restlichen werden gleich von Interessenverbänden wie dem Deutschen Bühnenverein entsandt.Und auch die neuen Zuwendungsrichtlinien sind alles andere als richtungsweisend - wie sich bereits jetzt am Verhalten der Gruppen bei der Bewerbung um die Subventionen für 1999 zeigt: Viele, die bisher Anträge für einzelne Projekte stellten, stürzen sich nun auf die drei- bis fünfjährige Konzept- oder aber die zweijährige Basisförderung.Die Gefahr besteht, daß durch eine verstärkte Institutionalisierung Freier Gruppen nur Mini-Kopien der alten Stadttheater entstehen - das aber ist das letzte, was die Berliner Szene derzeit gebrauchen kann.Statt dessen müßten zusätzliche Labor-Spielstätten nach dem Vorbild des Hebbel-Theaters, der Sophiensäle oder auch des Theaters am Halleschen Ufer her, die für alle Gruppen der Stadt zugänglich sind.Solche open houses sind zudem billiger, weil die Gäste dort die nötige technische Infrastruktur schon vorfinden und die Spielstätte ihnen die zeit- und geldraubende Werbung für ihre Projekte abnehmen kann.

Eine Möglichkeit zur Kurskorrektur hat die Ein-Topf-Jury allerdings doch: Indem sie jene Privattheater, die durch Subventionsentzug zur Aufgabe gezwungen werden, mit Hilfe der Spielstättenförderung rettet - und sie damit gleichzeitig für die Szene der ganzen Stadt öffnet.

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