Kultur : Alles erklären, heißt alles vertuschen

Bernhard Schulz

Sehr opulent geht es nie zu bei Peter Brook in seinem Pariser Theater der Bouffes du Nord. Das beginnt schon mit dem ärmlichen Äußeren des Bauwerks, das bessere Tage gesehen hat und heutzutage mit jedem Quadratzentimeter seiner verwaschenen Mauern sagt, dass hier eine Werkstatt ist.

So ist auch die Bühne, die von dem engen Halbrund des Zuschauerraumes umfasst wird, nur ein flaches, schwarzes Podest, erhellt von drei Fotolampen. Ein paar Hocker müssen genügen. Musik kommt aus Lautsprechern, ein Kind in rotweiß gewürfeltem Bademantel tritt auf. Ort und Zeit spielen keine Rolle, wir erfahren, dass es Nacht ist.

"Ich kann nicht schlafen", sagt das Kind, und mit diesem einen Satz schon ist der Zuschauer mitgenommen in eine Welt zwischen Sein und Schein, zwischen Tag und Traum. Der bald 77-jährige Brook hat - nach Shakespeares "Hamlet" - den jüngsten Text der englischen Dramatikerin Caryl Churchill, "Far away", inszeniert, der im vergangenen April auch an der Berliner Schaubühne unter der Regie von Falk Richter als "In weiter Ferne" Premiere hatte. Von einem Stück, einem Drama gar kann bei den in einer knappen Stunde abgespielten drei Szenen von Caryl Churchill kaum die Rede sein. Es sind Exerzitien über Macht und Ohnmacht des Wortes, die freilich ungemein präzise von den virtuosen Sprachakrobaten des Peter Brook ausgeführt werden.

Da fehlt mithin kein Bühnenbild - es würde die Konzentration auf die Sprache, auf die Psychologie des Sprechens nur stören. Schon die drei Lampen, die zunächst unerbittlich weiß strahlen und in der mittleren Szene nur mehr pastellfarben schimmern, sind beinahe zuviel. Es geht allein um die Worte, um Rede und Gegenrede. Die erste Szene ist die bei weitem stärkste dieser Lehrstunde. Das Mädchen Joan (im Wechsel: Louise Andrieu und Marie-Elisabeth Winckler) berichtet ihrer Tante Harper (Kathryn Hunter) von ihren nächtlichen Erlebnissen. Sie will eine blutige Szene gesehen haben. Der Onkel habe Menschen von einem Lastwagen herunter in einen Schuppen getrieben. Die Tante leugnet zunächst, verniedlicht dann, gibt immer nur so viel preis, als das Mädchen mit weiteren Beobachtungen beharrlich präzisiert.

Ganz unmerklich, beinahe selbstverständlich nimmt das Grauen zu. Jetzt berichtet das Kind bereits, dass der Onkel geschlagen hat - "Es gab einen Verräter auf dem Wagen", so die Antwort -, und dann, dass er sogar ein Kleinkind blutig geschlagen hat: "Das war das Kind des Verräters", erklärt die Tante ohne jede Erregung. "Jetzt begreifst du, dass das nicht schlimm ist."

Der Zuschauer begreift, das sich mit Worten alles Schlimme hinwegwischen lässt, und auf dieser Erkenntnis baut Caryl Churchill ihre Szenenfolge auf. Das ist es wohl auch, was Brook an dem Wort-Spiel der englischen Dramatikerin interessiert: die Reduktion der Ereignisse auf ihr sprachliches Ab- und Zerrbild. Im mittleren Akt - Joan ist inzwischen zur jungen Frau gereift (Jodhi May) und arbeitet mit dem gleichaltrigen Todd (Julio Manrique) als Hutmacher - geht es um zum Tode Verurteilte, die die farbenfrohen Kreationen des Duos vor ihrer Hinrichtung durch die Straßen tragen müssen. Kurzer Ausflug ins Illusionstheater: Die behüteten Unglücklichen paradieren tatsächlich und verschwinden im Blitzgewitter der drei Lampen. Die auf der Bühne verbliebenen Hüte werden zusammengekehrt, und es ertönt der Beifall einer unsichtbaren Menge. Alltag einer Diktatur.

Im Gegensatz zu solchem Theaterdonner steht die dritte Szene, in der allein die Worte die Fantasie anregen - und arg strapazieren. Denn nun geht es darum, dass Krieg herrscht und alle Natur sich auf die Seite der ein oder anderen Nation geschlagen hat, alle Tiere und sogar die Flüsse, und mitten im Schwall der heftig herausgestoßenen Worte reißt Todd sein Hemd hoch und zeigt eine frische Narbe: "Das war ein Bär!"

Doch während sich die erzählte Gewalt im Laufe des Stücks apokalyptisch steigert, nimmt die Verstörung des Zuschauers durchaus nicht zu. Wo alles möglich wird, vermag nichts mehr zu erschrecken, und das Diktum des großen Minimalisten Samuel Beckett drängt sich auf, es gäbe gar nicht mehr so viel zu fürchten. Hinter diese bestürzende Erkenntnis fällt Caryl Churchill in ihrem Traumspiel von der Niedertracht der Welt weit zurück. Länger als die eine Stunde mag man ihr nicht folgen. Auch Brooks feinziselierte Dramaturgie des Wortwechsels kann nicht weiter tragen, als die Substanz des Stückes erlaubt.

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