Kultur : Alles fließt

Carsten Niemann

Sind Idyllen uncool? Oder haben Geschichten, die Hirten mit Namen wie Daphnis und Chloe sowie bocksbeinige Gottheiten vereinigen, nicht etwas Krasses? Krass war in jedem Falle die Aufgabe, die sich die Berliner Philharmoniker, ihr Chefdirigent Simon Rattle sowie das Team um die Choreographen Royston Maldoom und Susannah Broughton gestellt hatten. Sich selbst – und den über 200 mitwirkenden Berliner Jugendlichen und Schülern. Denn die standen am Montag nicht nur unter dem freiwilligen Druck, die Aufmerksamkeit in der ausverkauften Arena Treptow über die Spielfilmlänge von Ravels choreografischer Symphonie „ Daphnis und Chloe“ zu halten (Foto: Reuters). Nicht einfach, eine gute Figur zu machen – neben einem Spitzenorchester und ohne vorher mit klassischer Musik, Tanz oder Hirtenepen in Berührung gekommen zu sein.

Niemand ist sensibler für Peinlichkeiten als Jugendliche. Jedoch: Das ehrgeizige Experiment gelang. Maldoom und Broughton haben mit den Jugendlichen eine Körpersprache aus wunderbar fließenden Bewegungen entwickelt, mit denen sich blitzschnell und elegant eine Vielzahl von Tableaus aufbauen lässt. So etwa, wenn sich gegenüber dem Kreis der verschworen tanzenden Mädchen wie aus dem Nichts ein Berg aus grün gekleideten Jungs bildet, dessen lebendige Spitze sich dem Reigen neugierig zuwendet. Nur den Kampfszenen, welche die Idylle eher grundieren als zerstören, hätte ein bisschen mehr Gruppenspannung gut getan.

In den vielen kontemplativen Momenten waren es nicht nur die farbenreich fantastischen Kostüme Florence von Gerkans und Pete Ayres mit sparsamen Effekten wirkungsvolle Lichtregie, welche die Jugendlichen gut aussehen ließen. Sondern die Geschmeidigkeit, mit der die jungen Tänzer es der Musik erlaubten, durch ihre Körper zu strömen. Keine Spur von jenem Drill, der Massenszenen zu Musik leicht anhaften kann. Im Gegenteil: Der gemeinsame Atem erzeugt eine flexible Ordnung , die durch die eine oder andere verzögerte Bewegung oder das verträumte Innehalten des Einzelnen nur umso menschlicher erscheint. Gut, dass Simon Rattle, trotz der anfänglichen Unruhe der klassikungewohnten Zuhörer und hastig erdrosselter Handytöne, von den ersten zarten Klängen an der Versuchung widerstand, Ravels Musik dem Ort anzubiedern. Die zunehmende Aufmerksamkeit, mit der sich auch das Publikum ihr näherte, war Belohnung dafür, dass Rattle das innere Drama, die wie im Unbewussten wogenden Emotionen, eben nicht in äußerliche Theatralität umwandelte: ein schöner Erfolg für das Education-Programm der Philharmoniker.

Als erlebte Visionen taugen Idyllen eben nicht nur für den verklärenden sentimentalen Rückblick. Darüber darf dennoch nicht vergessen werden, welche Defizite es in der alltäglichen Versorgung Jugendlicher mit Musikunterricht gibt. Die sind nämlich auch krass.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben