Kultur : Alles flimmert

Vater der Videokunst: zum Tod von Nam June Paik, dem Pionier der Medien-Moderne

Nicola Kuhn

Eine Jahrhundertfigur ist er zweifellos. Eine, die aus dem 20. kommt und noch im 21. zur Avantgarde gehört. Nam June Paik, Vater der Videokunst, war seiner Zeit immer voraus. Als 1962 in New York ein von ihm mühsam zusammengebastelter, lebensgroßer Roboter auf der Straße mit einem zufällig vorbeifahrenden Auto kollidierte, bezeichnete der koreanische Künstler den Zusammenstoß weitsichtig als „die erste Katastrophe des 21. Jahrhunderts“. Der durchaus willkommene Unfall – Paik hatte glücklicherweise eine Videokamera zur Hand, um alles aufzuzeichnen und in etlichen nachfolgenden Kunstwerken weiterzuverwerten – gab seiner Meinung nach einen Vorgeschmack davon ab, was künftig passieren würde, wenn Kunst und Leben, Mensch und Maschine, natürliche und künstliche Intelligenz zusammenprallen.

Paik selbst hat sein Leben lang vorgemacht, wie die verschiedenen Bereiche miteinander zu verbinden sind: Hochkunst und Populärkultur, minimalistische Ästhetik und totale Reizüberflutung, östliche und westliche Hemisphäre. Noch im April 2004 reiste er nach Berlin, um sein Auftragswerk für die Sammlung Deutsche Guggenheim mit dem Titel „Global Groove“ in einer gigantisch flimmernden Ausstellung Unter den Linden zu übergeben. Da war er schon schwer gezeichnet von den Folgen mehrerer Schlaganfälle. Heiter wie eh und je („Ich bin ein Berliner!“) präsentierte sich der „Daddy of electronic dada“ dennoch als der beste Botschafter seiner eigenen Kunst, mit der er seit den fünfziger Jahren die Sicht auf das Fernsehen und schließlich das Medium Video revolutionierte. Damit prägte er die Ästhetik des digitalen Zeitalters.

Ursprünglich kam der aus Seoul stammende Sohn eines koreanischen Industriellen von der Musik. Nach dem Studium der Musikwissenschaft an der Universität Tokio mit einer Abschlussarbeit über Arnold Schönberg reiste er 1956 nach Deutschland, um in Freiburg bei Wolfgang Fortner Komposition zu studieren. Als Teilnehmer der Ferienkurse für Neue Musik in Darmstadt lernte er Karlheinz Stockhausen kennen, mit dem er von 1958 bis 1963 am Kölner WDR-Studio für Elektronische Musik zusammenarbeiten sollte.

Seinen Werdegang prägte insbesondere die Begegnung mit John Cage, der ihn zu einem ganz eigenen Konzept von Aktionsmusik animierte, bei dem sich zufällige Töne und Geräusche mit klassischen Klängen mischen. Paik wurde zu einem Wegbereiter der Fluxusbewegung und gab mit Joseph Beuys gemeinsame Konzerte, bei denen Klaviere und Geigen zu Bruch gehen konnten. Skulpturen wie „Schallplattenschaschlik“ (1963), der Ausstellungsbesucher mittels manuell bedienbarem Tonabnehmer selbst Töne entlocken durften, oder die 1967 in New York uraufgeführte „Oper Sextronique“, bei der sich die junge Cellistin Charlotte Moorman sukzessive entkleidete, belegen den Humor und die anarchische Lust des zierlichen Kunstrevoluzzers. Auch nach dem Umzug 1964 in die USA behielt er seinen unnachahmlichen Sprachmix aus Deutsch und Englisch bei: „Wenn zu perfekt, liebe Gott böse“, lautete sein Lebensmotto.

In den sechziger Jahren begann er sich zunehmend dem Fernsehen zuzuwenden. Nam June Paik schuf fernöstlich geprägte, hochmeditative TV-Installationen, die heute in keiner Medien-Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts fehlen: darunter „Zen for TV“ oder „Video Buddha“, bei dem sich ein gefilmter Buddha selbst im Fernsehen gegenübersitzt. Sie gleichen rückblickend der Stille vor dem Sturm, denn danach kamen die hyperaktiven, raumfüllenden „Multi-Monitor-Installationen“ förmlich in Mode, die den Betrachter mit Bild- und Ton-Kaskaden bestürmen. Anlässlich der Olympischen Spiele 1988 in Seoul errichtete er unter dem Titel „The more the better“ aus tausend Bildschirmen einen gigantischen Medienturm. 1993 repräsentierte er gemeinsam mit dem ebenfalls in New York lebenden Konzeptkünstler Hans Haacke die Bundesrepublik auf der Biennale di Venezia, für Paik der Höhepunkt seiner Karriere.

Nam June Paik hatte die Giardini als einen Garten Eden der Kunst begriffen, in den er rund um den deutschen Pavillon Sound- und Monitorfiguren aus hunderterlei technischen Elementen platzierte. Aus dem Zusammenprall der Elemente Kunst und Leben, Natur und Technik, schuf er wieder etwas Neues, Drittes: eigenartige Zwitterwesen, die der Übermacht der Bilder, dem medialen Dauergewitter eine poetische Note abgewinnen. Am Sonntag ist der Künstler im Alter von 73 Jahren in seiner Wohnung in Miami gestorben.

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