Kultur : Alles große Fische

George V. Higgins’ Roman „Ich töte lieber sanft“.

Raphael Mühlhölzer

Wäre nicht „Killing them softly“ kürzlich in den Kinos gelaufen, George V. Higgings’ Roman „Ich töte lieber sanft“ würde wohl noch immer auf seine deutsche Übersetzung warten. So aber bekommen auch die Leser hierzulande eine Kriminalgeschichte präsentiert, die vor allem von den Dialogen der grob gezeichneten Figuren und ihren präzise beschriebenen Beziehungen lebt. Der notorische Spieler Johnny Amato heuert zwei an den bürokratischen Fallstricken der Resozialisierung verzweifelnde Exknackis an, eine vom organisierten Verbrechen protegierte Pokerrunde zu überfallen. Weil es bereits einen Sündenbock für solcherart Überfälle gibt, fürchtet Amato die Strafe der Mafia nicht – und so führen die kleinen Fische Frankie und Russel den Coup durch.

Zunächst verläuft alles nach Plan. Amato kann das erbeutete Geld wieder verwetten, Russel ins Drogengeschäft einsteigen und Frankie sich endlich ein Auto leisten. Doch der anonym bleibende Mafiaboss Dillon und der Killer Cogan lassen sich nicht täuschen. Strafe muss sein, auch die Unterwelt braucht ihre Ordnung. Cogan bietet Frankie an, ihn im Tausch für sein eigenes Leben bei der Jagd auf Johnny Amato behilflich sein. Ein letzter blutiger Deal.

Wollte man Higgins’ Roman allegorisch lesen, könnte man im Kampf Kleingangster gegen Mafia leicht die mörderische Macht des Großkapitals identifizieren, die das kleinbürgerliche Streben nach Glück zunichte macht. Doch gerade die Amoralität des gesamten Settings unterläuft diese vulgärkapitalismuskritische Lesart und macht eine Unterteilung in kleine Opfer und große, anonyme Täter unmöglich. Zu deutlich wird der „Schreibtischtäter“ Amato als Ausbeuter charakterisiert, lässt er doch die Drecksarbeit von prekären Existenzen wie Frankie und Russel erledigen. Oder, wie Russel mit der lakonischen Weisheit der Gosse bemerkt: „Es geht immer nur darum, dass ein Scheißkerl den anderen ausnutzt.“

Zwischen lauter Scheißkerlen findet sich keine positive Figur in dieser durchökonomisierten Welt, in der auch das Leben eine verhandelbare Ware ist. Dass sich dieser Roman aus dem Jahr 1974 für eine Verfilmung heutzutage aufdrängt, verwundert nicht. Dass er bisher nicht auf Deutsch gelesen werden konnte, schon. Raphael Mühlhölzer

George V. Higgins: Ich töte lieber sanft. Roman. Aus dem

Englischen von

Dirk van Gunsteren.

Kunstmann-Verlag, München 2013.

239 Seiten, 14,95 €.

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