Kultur : Alles im Lack

Rafal Bujnowskis Ausstellung in der Johnen Galerie führt vom polnischen Nagelstudio direkt ins Weltall

Oliver Koerner von Gustorf

Malerei, so bedeutet es uns Rafal Bujnowski, ist ein Kosmos, der beständig explodiert oder implodiert. Er kann metaphysische Dimensionen annehmen, oder auf seine bloße Materie reduziert in sich zusammenfallen – zu einem kleinen Klecks, der kaum die Größe eines Fingernagels hat. Tatsächlich führt seine aktuelle Ausstellung in der Berliner Johnen Galerie nicht nur ins Weltall, sondern auch geradewegs in ein polnisches Nagelstudio. Seine zehnteilige Gemäldeserie „Nails“ (22000 Euro) wird von einer DVD-Projektion begleitet, die in Großaufnahmen ein zeitgemäßes Schönheitsritual dokumentiert: Routiniert und präzise setzen die Hände einer Kosmetikerin einen feinen Pinsel an, lassen weißen Lack auf einen Fingernagel tropfen, um dann auf die noch feuchte Farbe winzige abstrakte Wirbel aufzutragen. Das Resultat erinnert an Kalligraphie, Sternennebel oder Blüten, oder auch an die Farbspritzer und Schlieren Jackson Pollocks. Finger für Finger bemüht sich die Frau, das Ornament möglichst identisch zu wiederholen. „Embroider“ (Ausschmücken) hat Bujnowski seine Solo-Schau genannt und überträgt das Nagellackdekor vergrößert auf die Leinwand.

Zehn Finger, zehn Gemälde: Wenn hier Malerei zur Kunst-Maniküre wird, hat das System. Die konzeptuell angelegten Bilder des 1974 geboren polnischen Shooting Stars hinterfragen die Eigenschaften und den Kontext von Malerei und spielen mit den gesellschaftlichen Erwartungen an die Kunst. Erst in diesem Frühjahr führte seine Retrospektive „Malen“ im Düsseldorfer Kunstverein vor, wie ironisch und subversiv Bujnowski die Grenzen zwischen Bild und Abbild, zwischen Gemälde und Objekt unterläuft. Bekannt wurde der gelernte Grafiker und Gründer der Krakauer „Offenen Galerie“ mit einer zwischen 1999 und 2002 entstandenen Serie von „Bilder-Gegenständen“. In Auflagen bis zu 100 Exemplaren „malte“ Bujnowski Attrappen von trivialen Alltagsdingen: Videokassetten, die nichts abspielen, Ziegel, mit denen man nicht bauen kann, Alarmanlagen, die nichts registrieren. Ob er abgewetzte Jeansstoffe, Flecken, Felle, Keramik- und Schokoladenglasuren in Malerei-Serien transformiert, oder das einzige erhaltene Möbelstück aus dem Elternhaus des verstorbenen Papstes als Edition nachbauen lässt – stets entmystifiziert Bujnowski die erhabene Aura des Kunstwerks. Dass Malerei eine durchaus ökonomische Sache ist, bezeugen nicht nur seine Strategien, die ebenso von Duchamp und Magritte wie auch von den Erfahrungen in der Subkultur geprägt sind. „Embroider“ zeigt, wie unpathetisch und virtuos Bujnowski sein Handwerk versteht. Mit reduziertem Duktus lässt er in „Sattelite“ auf kleinformatigen Leinwänden (je 3800 Euro) schwarzweiße Strukturen entstehen, die an alte Sattelitenaufnahmen der Erde oder Abbildungen von Wetterformationen in Erdkundebüchern erinnern. „Bamboo“ zeigt mit wenigen, präzisen Pinselstrichen skizzierte Bambusstäbe, die mit ihren schmalen Hochformaten (je 4600 Euro) wie dekorative Wandpaneele wirken. Bei längerem Hinsehen zerfällt der Stoff, aus dem die Bilder sind, allerdings wieder in abstrakte Farbwirbel, und Gesten, die gar nicht so weit von der dekorativen Arbeit im Nagelstudio entfernt sind. Doch gerade das zeichnet Bujnowskis Kunst aus – dass er nicht die letzten Fragen der Malerei beantworten, sondern die naheliegenden stellen will.

Johnen Galerie, Schillingstr. 31, bis 1. Oktober; Dienstag bis Sonnabend 11–18 Uhr.

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