Kultur : Alles ist Bewegung

Zum 80. Geburtstag des Nouvelle-Vague-Außenseiters Jacques Rivette

Jan Schulz-Ojala

Ein Sonderling, und so klug. Vor ein paar Jahren in Paris, seiner Stadt, hat er einen Interviewmarathon abgebogen, indem er die Journalisten zu einer Art Pressekonferenz versammelte; unruhig hockte er auf improvisiertem Podest und sprach nicht eigentlich zu den Leuten, sondern zur Wand gegenüber: Dort standen die Vertrauenspersonen, die ihm mit Stichworten weiterhalfen, wenn ein Gedankengang mal zu sehr auf Reisen ging. Oder sein Interview auf der schönen DVD-Edition von flaxfilm 2006, sein Ausweichen in Wörtern und im Blick, der dauernd sonstwohin ruckende Vogelkopf und das halbstundenlange ausdrückliche Nichtanrühren der hingestellten Tasse Tee.

Jacques Rivette tickt anders als die berühmten Kollegen von der Nouvelle Vague, die mit ihm alt geworden sind, Chabrol, Rohmer, Godard; er tickt nervöser, er tickt explosiv, der Außenseiter unter den großen Filmautoren Frankreichs, und irgendwann, Mitte der siebziger Jahre, war er – depressionsbedingt – mal für eine Weile ganz weg. Ein Weltscheuer, der seine Leute braucht, den famosen Kameramann William Lubtchansky, die Drehbuchautoren Pascal Bonitzer und Christine Laurent, oder sind sie eher liebevolle Supervisoren des Unruhestifters Rivette: Mini-Clan für ein filmisches Werk, das jedes Maß sprengt. Seine sperrigen, überlangen Filme passten und passen zu keiner Zeit, nicht einmal die gefälligsten. Dafür sind sie unverwechselbar in ihrem Ton und Licht, und sie altern nicht.

Angefangen hat er als Kritiker bei der „Gazette du Cinéma“, die er mit Rohmer, Godard und Truffaut gründete, dann bei den „Cahiers“ – und wie seine Kollegen wechselte er bald ins Filmemachen, nur mit viel weniger sichtbarem Erfolg. International bekannt wurde er erst, und eher als eine Art Regie-Monster, mit seinem Dreizehnstünder „Out One“ (1972), da war er über vierzig: ein Abgesang auf 1968 im Gewande einer Balzac-Erzählung, komplett von den Schauspielern improvisiert; der Titelzusatz „Noli me tangere“ – Rühr mich nicht an – enthält zugleich ein ästhetisches Konzept: Ich will sehen, aber unsichtbar sein.

Der Durchbruch für Rivette, wenn die Vokabel bei einem wie ihm gestattet ist, kam erst jenseits der sechzig, mit „La belle noiseuse“ (1991), nach Balzacs Novelle „Das unbekannte Meisterwerk“. Plötzlich war der Meister selber bekannt, weil er in einem Vierstundenfilm Michel Piccoli, Jane Birkin und die damals wenig bekannte25-jährige Emmanuelle Béart in unerhört freier Weise zu sich selbst geführt hatte. Auch sein Lebensthema hat er nie wieder so ergiebig und entspannt intoniert: wie die Kunst am Leben nagt und umgekehrt. Wie etwa bei der Gartenparty am Ende das widerspenstige Aktmodell Béart, das die Lebenslügen des alten Malers aufgebrochen hat, schweigend an Piccoli vorübergeht! Mit kaltem Lächeln.

Und dann wieder: Absturz. Fünf Stunden dauert „Jeanne la pucelle“ (1994), der Zweiteiler über die grandios vermenschlichte Nationalheilige Johanna von Orléans alias Sandrine Bonnaire: ein Großprojekt, finanziert mit den frischen Erfolgsmillionen, und dann will die Geschichte von der hellsichtigen Anarchistin kaum jemand sehen. Aber Rivette klagt nicht, kratzt Geld zusammen für den nächsten (die Pariser Mädchenflaniererei „Haut bas fragile“) und den übernächsten Film (den exzentrischen Thriller „Secret Défense“). Und als das neue Jahrtausend da ist, für eine federleichte Commedia dell’arte: „Va savoir“, eine pirandelleske Tingelbühnen-Komödie mit neuer Muse: Emmanuelle Béart hatte abgesagt, Jeanne Balibar sprang ein. Was für ein funkelnder Gewinn, vielleicht nicht an Pracht, aber an Leben.

Wovon Rivettes Filme, die oft loslaufen und sich auch manchmal verlaufen in Augenblickseingebungen, vor allem erzählen: von Bewegung. Von Körpern im Raum, in denen Rivette sich stellvertretend ausdrückt, Körpern, die seine Unruhe spiegeln und sein Alleinsein. Godard hat sich ganz in Bild-Essays zurückgezogen, Chabrol scherzt unermüdlich mit dem Bösen, Rohmer lässt noch immer junge Sprechmaschinen aufeinander los; bei Rivette leben die Körper. „Leute, die gehen, sich küssen, trinken, sich prügeln“, sagt er. „Menschen, die vor unseren Augen handeln und uns zwingen, ihr Leben zu teilen.“ Alles ist erfunden, und alles ist wahr – fast wie auf dem Theater, das Rivettes Geschichten so lieben. Nur sind es Szenen für immer.

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