Kultur : Alles ist erlaubt

Die „Long Night of Artists’ Music“ im HAU

Volker Lüke

Sound verzerrt, hallt wider, bricht, um vorgefasste Meinungen zu zersplittern. Nichts ist wahr, alles ist erlaubt – das ist der wichtigste Akt, der die Künstler verbindet, die in der „Long Night of Artists’ Music“ im HAU 2 auftreten, mit dem das Theater das Performance-Festival „Testing Stage“ beendet. Thema ist die Allianz von Musik und bildender Kunst.

Dass sich Vertreter beider Lager gegenseitig inspirieren, weiß man spätestens seit John Cage eine Verschmelzung der Künste einführte. Da gibt es nicht nur „Universalgenies“ wie Markus Lüpertz oder Hermann Nitsch, sondern unzählige andere, die zwischen E und U, Rock und Disco, Noise und Fun zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen kommen.

Die Konzepte der Künstler, die der Abend auf die Bühne bringt, könnten jedenfalls kaum konträrer sein. Das Spektrum reicht von Michaela Meises Kirchenliedern über die Solo-Performance einer Opernsängerin für jeweils nur einen Zuhörer bis zum dadaistisch nervösen Disco-Punk-Gepolter des genial-bescheuerten Orgel-Schlagzeug-Duos Hunger. Und dem Projecto Gentileza, das mit elektronischen Störgeräuschen, gewagten Stimmmodulationen und einer Gong-Meditation vor dem Hintergrund grausiger Gebissbilder aus der Zahnarztpraxis verstört („Biting Song“).

Anstrengender ist nur das ständige Auf und Ab zwischen dem ersten und zweiten Stock. Wer nichts verpassen will, kommt kaum zum Luftholen. Um 23 Uhr lässt dann auch noch das dänische Gitarrensextett Yoyooyoy, das seit 19 Uhr im ganzen Haus unterwegs ist, im Treppenhaus ein krachiges Gitarrengeschepper los, das nicht weit entfernt ist von den brachialen Errungenschaften der Gitarrenorchester von Glenn Branca und Rhys Chatham. Dem physischen Grenzgang setzt der Hamburger Pianist Christian Naujoks die Intensität der lyrischen Synthese entgegen, wenn er mit einem Mitspieler am Marimbaphon einen hermetischen Raum zum Wegdriften aufklappt. Weit entfernt scheint die Welt der ratternden Großstadt, als er auf dem Flügel Akkorde hintupft und mit einfühlsamer Stimme John Cages „Experiences No. 2“ interpretiert. Allein für diesen Auftritt hat sich das Kommen gelohnt.

Doch dann sind da noch The Red Krayola, die um 0:45 Uhr als Headliner auf die Bühne steigen, angeführt von Mayo Thompson, der seit 1966 als Sänger, Texter und Gitarrist die wohl langlebigste Undergroundband aller Zeiten personifiziert, immer um die Überwindung musikalischer Grenzen bemüht (Psychedelischer Feedbacklärm, sozialistischer New-Wave-Realismus, Mitglied bei Pere Ubu, Produzent von The Fall, Zusammenschluss mit der linksradikalen Konzeptkünstlergruppe Art & Language und dem Maler Albert Oehlen, Reinkarnation in den Neunzigern mit Unterstützung der aufstrebenden Postrockgeneration).

Der 68-jährige Texaner wird allen Erwartungen gerecht. Von gediegen bis mitreißend demonstriert diese ewige Kultfigur ihre Unabhängigkeit von Trends und Moden und spielt mit ihrer jungen Band einen altersmilden, aber packenden Querschnitt durch die irre Bandgeschichte: verwinkelte Großstadt-Folklore, Country-Psychedelia, Freeform-Jazz-Rock und Kapitalismuskritik – eine Musik, die auch nach 45 Jahren neu tönt, weil ihre disziplinierte Radikalität und ihr emotionaler Einfallsreichtum noch heute auf Vergleichbares warten. Und uns eine Vorstellung davon vermittelt, wie weit Musik zu gehen vermag. Volker Lüke

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