Kultur : Alles ist erleuchtet

Technik und Gefühl: Die RETROSPEKTIVE widmet sich dem filmischen Licht von 1915 bis 1950: „Ästhetik der Schatten“.

Helmut Merker

„Mehr Licht“ verlangte Goethe, als es dunkel um ihn wurde; davon ist bei den Beleuchtungskonzepten, die für Greta Garbo – etwa in Flesh and the Devil – und Marlene Dietrich (in Shanghai Express) entwickelt wurden, nicht mehr die Rede. Licht musste modellierend, nicht erhellend wirken. Es sollte Emotionen hervorrufen, nicht Handlungen erklären. Das Gesicht der Garbo machte ein seitliches Glamourlicht zur „Göttlichen“, Josef von Sternberg setzte für Marlene Dietrich dagegen ein steil einfallendes Führungslicht ein. Heute werden Stars kaum mehr so zur Ikone erhoben – nicht einmal Nina Hoss von Christian Petzold.

Schatten, Licht, dazu Bewegung – darunter lassen sich nahezu alle Filme subsumieren. Aber erst die technischen Erfindungen in der Zeit der Weimarer Republik eröffnen der Kunst entscheidend neue Möglichkeiten mit der beweglichen Kamera, der flexiblen Beleuchtung, dem empfindlichen Filmmaterial. Pionierleistungen aus Skandinavien werden weiterentwickelt, der expressionistische deutsche Film wirkt nach Frankreich, in die USA und von dort vor allem nach Japan. Der Regisseur F. W. Murnau wird nach Hollywood gerufen (Sunrise), der Kameramann Eugen Schüfftan arbeitet in Frankreich (La belle et la bête).

Fast 40 Filme zeigt die Retro – Bekanntes und Filme, die geläufige Begriffe vom Weltkino erweitern. So gehören etwa neben Kurosawa (Rashomon)und Mizoguchi (Erzählungen unter dem Regenmond) Yamamoto und Yamanaka, Kinugasa und Naruse zum Reichtum des japanischen Filmkontinents. Dort dominierten in den zwanziger Jahren fröhliche Alltagskomödien, denen die Helligkeit der Ausleuchtung entsprach. Wenn die Helden aber nachts durch düstere Städte streifen und ihre Schwerter in Räuberhöhlen aufblitzen (An Actor's Revenge), brauchte man für die Kulissen eine realistischere Lichtsetzung. Vorbild für hypnotische Nachtaufnahmen sind Szenen aus deutschen Straßenfilmen, etwa Berlin. Die Sinfonie der Großstadt und Unter der Laterne.

Noch ein Hinweis? Ein kleines Juwel ist Die Liederschlacht der Mandarinenten: In diesem Märchen spielen, 25 Jahre vor „Die Regenschirme von Cherbourg“, Japans Sonnenschirme eine Hauptrolle. Deren Farben werden in freundlichen Liedchen akustisch ausgemalt – ein echtes Samurai-Musical. Helmut Merker

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben