Kultur : Alles ist verdunkelt

Kultur ohne Gedächtnis: Don DeLillos 9/11-Roman „Falling Man“

Sebastian Moll

Früher oder später musste wohl ein 9/11-Roman vom Don DeLillo kommen. Die großen Themen, über die seit den Anschlägen auf das World Trade Center gesprochen wird, beschäftigen DeLillo seit Jahrzehnten: amerikanische Hybris und die Provokation, die sie darstellt, Terrorismus und religiöser Fanatismus. Und vor allem die Undurchdringlichkeit der Medienbilder, die jedes Ereignis sofort in Geschichte verwandeln und ein Verstehen dauerhaft verhindern. Wenn Osama bin Laden ihm nicht zuvor gekommen wäre, hätte sich DeLillo sicher irgendwann ein Szenario wie den 11. September ausgedacht.

DeLillo, der seinen Berufsstand schon in seinem 91er-Roman „Mao II“ in direkter Konkurrenz zu bin Ladens Terrorgruppe sah, ist seither ungewohnt wortkarg. 2003 schrieb er die etwas blasse Novelle „Cosmopolis“, die den 11. September völlig ausblendete und nicht zuletzt dafür heftig kritisiert wurde. Sein neuer Roman „Falling Man“ reagiert nun direkt auf das Ereignis, das Amerika und die Welt verändert hat.

Der Roman wirkt zunächst so, als habe DeLillo sich nur widerwillig dem Druck gebeugt, den 11. September als Stoff zu verwenden, als entziehe er sich bewusst einer großen, zusammenhängenden Deutung. Der Roman konzentriert sich auf den trivialen Alltag einer New Yorker Kleinfamilie im Jahre 2001. Die Ereignisse des 11. September beeinflussen das Leben von Lianne, Keith und ihrem Sohn Justin – Keith ist beim Einsturz der Türme gerade so mit dem Leben davongekommen. Sie halten aber keine befreiende Erkenntnis bereit, sondern verstärken nur die Verlorenheit der Protagonisten. Mehr passiert in „Falling Man“ nicht.

Zahlreiche Kritiker in den USA haben DeLillo vorgeworfen, ihm mangele es an Ideen und Lust. In „Falling Man“ aber ringt DeLillo geradezu mit dem Schreiben und damit, ob Literatur nach dem 11. September überhaupt noch was ausrichten kann. Jonathan Safran Foer und Ian McEwan haben sich in ihren 9/11-Romanen mit diesen Fragestellungen schon beschäftigt, DeLillo aber geht mehr in die Tiefe.

Da ist etwa der Kreis von Alzheimer-Patienten, den Lianne nach dem 11. September zu betreuen beginnt. Lianne macht Schreibübungen mit ihnen, lässt sie noch vorhandene Erinnerungen oder Geschichten aufzeichnen. „Sie erschrak manchmal“, schreibt DeLillo, „angesichts der Ausfälle, der finsteren Vorboten eines Geistes, der jene Haftreibung verliert, die Individualität ermöglicht. Sie steckten tief in der Sprache, den verdrehten Buchstaben, dem verlorenen Wort am Ende eines Satzes.“ Der Kurs wird ein voller Erfolg – „unaufhaltsam“ wollen Liannes Schützlinge über das eine Thema schreiben, das sie nicht loslässt: „Die Flugzeuge“, wie DeLillo den Anschlag auf das World Trade Center zumeist abkürzt.

Die Schreibgruppe der Erinnerungslosen ist in „Falling Man“ nur eine von vielen Metaphern für das Schreiben nach dem 11. September. Da ist etwa Justin, der Sohn der Familie, der nur noch einsilbige Worte verwendet: „Das hilft mir, mein Denken zu verlangsamen.“ Eine Kultur, die das Sprechen und das Reflektieren verlernt hat, die kein Gedächtnis und keine Identität mehr hat, wacht in „Falling Man“ auf und bemüht sich, das sowieso schon lange Verlorene wiederzugewinnen: Sprache, Bedeutung, Sinn.

Don DeLillo hat sich immer gegen das Label gewehrt, ein postmoderner Schriftsteller zu sein. Der Verlust einer konsensfähigen Realität aber war eine Grundprämisse seines Werks bis 2001. Zum Beispiel die Ermordung John F. Kennedys in „Sieben Sekunden“. Sie hat DeLillo ja vor allem so interessiert, weil sie einen solchen Konsens in Amerika endgültig zerschlug. Nach einem halben Jahrhundert im Nebel der Virtualität, der nicht zuletzt auch DeLillos Romane antrieb, versucht Amerika jetzt, stotternd und stammelnd so etwas wie Verbindlichkeit und Wirklichkeit zurückzuerobern. Dafür ist es vielleicht zu spät.

Keith, die Hauptfigur von „Falling Man“ – dem der Titel des Romans ebenso gilt wie einem Performance-Künstler, der den Todessturz aus den Twin Towers nachstellt – endet bei der verzweifelten Suche nach einem Halt, nach Authentizität als Dauergast im Unterhaltungsnirwana Las Vegas. An andere Möglichkeiten, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen, verschwendet er nicht einen Gedanken.

Sein Widerpart hingegen, der Terrorist Hamad, den dieselben Gefühle der Abgestumpftheit und Uneigentlichkeit plagen, entscheidet sich für das Selbstmordattentat. Mehr Optionen, so DeLillo, hat die Welt nach dem 11. September nicht anzubieten. So ist „Falling Man“ eine Kulturdiagnose, die geschickt das Private mit dem Politischen verschränkt. Dass DeLillo das alles in einer scheinbar unterkomplexen Erzählung unterbringt, ist ein Etappenerfolg bei der Suche nach einer angemessenen Kunst in der Zeit nach dem 11. September und für das neue Jahrtausend.

Don DeLillo : Falling Man. Pocket Books, New York 2007. 256 S., 27€. Im Herbst auf Deutsch bei Kiepenheuer & Witsch

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