Kultur : Alles kippt

Rette sich, wer kann: Sasha Waltz lädt mit „Gezeiten“ zur Katastrophenbesichtigung an der Berliner Schaubühne

Sandra Luzina

Am Ende des langen Abends brechen die Tänzer die splitternden Planken aus dem Boden, kein Stein bleibt auf dem anderen. Das ohnehin schon ruinöse Bühnenbild wird zu Kleinholz zerlegt, als hätte sich ein Abrisskommando in die Schaubühne verirrt. Sasha Waltz lädt in ihrer neuen Produktion „Gezeiten“ zur Katastrophenbesichtigung ein. Angesichts des Zerstörungswerks auf der Bühne beschleicht einen der Eindruck, als wolle die Choreografin die Bude in Schutt und Asche legen – und dann abtreten. Obwohl das nicht Waltz’ Stil ist.

Schon vorher nährt der Abend verbotene Zerstörungsfantasien. Bei Waltz gehen sie allerdings fast immer mit Rettungsfantasien einher. „Gezeiten“ will das Gefühl von Bedrohung hervorrufen, es ist ein Spiel mit der Gefahr. Die Katastrophe hat bereits stattgefunden, wenn das Stück beginnt. Doch sie hat sich draußen abgespielt, außerhalb der Mauern, in die sich die kleine Gruppe geflüchtet hat. Der Zufluchtsort, von Bühnenbildner Thomas Schenk gebaut, ist ein verwüsteter Raum, eine Bruchbude mit abblätternder Wandfarbe, zugemauerten Eingängen. Plötzlich bricht im Hintergrund ein Feuer aus, Qualm hüllt die Akteure ein. Ein apokalyptischer Moment. Und Pause.

Hurra, hurra, die Schaubühne brennt? Kurz vor der „Gezeiten“-Premiere war der seit längerem schwelende Konflikt zwischen Waltz und Thomas Ostermeier offen aufgebrochen. Der Rosenkrieg sorgte wochenlang für Schlagzeilen. Von dem schönen Projekt, Tanz und Schauspiel unter einem Dach zum Blühen zu bringen, blieb nur mehr das Gezänk ums knappe Geld. Aber dies sei, so beschwichtigt Waltz’ Mitstreiter Jochen Sandig die Gemüter, keineswegs die letzte Produktion an. Also kein Ende mit Schrecken. Die Feuerwehrleute brauchen diesmal keine Verstärkung. Dennoch lagen bei allen Beteiligten vor der Premiere die Nerven blank. Natürlich schiebt sich die akute Krise vor die Wahrnehmung des Bühnengeschehens – auch wenn Sasha Waltz im Zusammenhang mit dem Zwist nicht von „Katastrophe“ reden will.

Aber das Thema beschäftigt die Choreografin schon seit geraumer Zeit. Wie können wir die tägliche Bilderflut des Schrecklichen emotional bewältigen? Können wir angesichts all des fremden Leids überhaupt noch Mitgefühl entwickeln? Solche Fragen liegen dem Tanzstück zugrunde, das indirekt auch nach der Verantwortung des Künstlers fragt. Vor dem Eingang des Schaubühnen-Saals hat die Hilfsorganisation CARE auf Bitte von Waltz ihren Stand aufgebaut. Dort kann sich der Zuschauer informieren, was ein Carepaket für Pakistan oder Sri Lanka enthält – und gleich spenden. Auf der Bühne wird derweil plakativ eine Hilfsaktion nachgespielt. Die Tänzer bilden eine Reihe und reichen die Hilfsgüter weiter: Spaghetti, Seife, Kocher. Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch?

Immer ist eine helfende Hand zur Stelle, meist eine tapfere Frau in Gesundheitsschuhen. Die Schwesternschaft in weißen Kitteln ist auch für die emotionale Bewältigung des Traumas zuständig, sie weinen, kreischen und trauern oder spenden mütterlich Trost. Waltz will aufzeigen, wie Menschen in Extremsituationen reagieren. Dabei sucht sie anfangs ihr Heil im gegenständlichen Spiel. Aber der betuliche Realismus zwischen Katastrophenschutzmanöver und Rettungseinsatz mutet zunächst hilflos an.

Aber dann wirbelt Sasha Waltz auf verstörende Weise die Bilder durcheinander: der Hurrikan, die Flut, das Erdbeben, die Vogelgrippe. Die Menschen werden Heimsuchungen ausgesetzt, ihre Existenz ist ungemein zerbrechlich. Das Katastrophen-Thema bewältigt Sasha Waltz am besten in den reinen Tanzszenen, die in der Stille spielen oder von Bachs Cello-Suiten begleitet werden. Der zweite Teil des Abends mit diffizilen Duetten und vertrackten Trios ist atemberaubend. Zunächst bilden die 16 Tänzer einen Kollektivkörper, der sich auflädt, bis er explodiert und Elementarteilchen freisetzt, von Fliehkräften auseinander gerissen. Die Choreografin hat die Bewegungen aufgesplittert, in immer neuen Variationen zeigt sie aufgesprengte Körper-Architekturen. Frauen und Männer sind auf der Suche nach Halt, sie stützen sich und werden getragen – doch es sind prekäre Balancen. Diese Kippfiguren sind instabil wie ein Kartenhaus. Wenn die Tänzer sich aneinander anlehnen, drohen sie wie Dominosteine umzufallen. Doch immer kommt einer und trägt einen verschreckten Tänzer weg, der in seiner Schutzhaltung oder Panik-Position erstarrt ist. Sehr behutsam, fast zärtlich werden die traumatisierten Körper aufgehoben und geborgen. Diese Szenen zwischen Halten, Tragen und Beschützen sind poetisch und anrührend, die bewegendsten des Abends.

Keiner hat mehr festen Boden unter den Füßen. Alles kippt und bricht. Die Akteure werden durch die Luft geschleudert, als hätte eine gigantische Welle sie erfasst. Waltz treibt die Szenen ins Albtraumhafte. Die riskanten Aktionen steigern sich zur Materialschlacht, die an frühere Volksbühnen-Orgien denken lässt. Doch es bleibt nicht beim reinigenden Bühnenexzess, am Ende lässt Waltz wieder die Katastrophe nachspielen. Mitleid will sie erwecken und scheitert damit – wenn auch grandios. Tote werden geborgen, die Tänzer wickeln sich aus den Leichentüchern. Unsere Leichen leben noch: Mit diesem Fanal entlässt Sasha Waltz ihre Zuschauer. Die Zerstörung ist vollendet, nun muss neu aufgebaut werden. Spenden sind erwünscht.

Wieder heute, am 24. - 27. 11., 20 Uhr

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