• "Alles klar?" an der Hochschule der Künste: Studierende des Fachs Musical präsentieren das Ergebnis von zwei Jahren harter Arbeit

Kultur : "Alles klar?" an der Hochschule der Künste: Studierende des Fachs Musical präsentieren das Ergebnis von zwei Jahren harter Arbeit

Josefine Janert

Vier Frauen und vier Männer wandern auf der Bühne hin und her und singen sich dabei ein. Sie stellen sich im Halbkreis um den Flügel und beginnen mit der Probe. Professor Peter Kock gibt aus dem Zuschauerraum Regieanweisungen. "Summernights, bitte!" Die Akteure setzen betont freundliche Mienen auf. Trotzdem ist ihnen die Spannung anzumerken. In ein paar Tagen stehen sie vor einem viel größeren, kritischen Publikum. Nach zwei Jahren an der Hochschule der Künste (HdK) präsentieren die acht Studenten des Fachs Musical / Show zum ersten Mal öffentlich ein Stück. Seit Oktober haben sie die Collage "Alles klar?" geprobt, die nun im Theater- und Probensaal der HdK aufgeführt werden soll. Der Pianist Adam Benzwi greift in die Tasten. "Summerdays, drifting away" - acht Körper schwingen im Takt. Peter Kock sieht genau hin. Zufrieden scheint er noch nicht zu sein.

Träume von einer Karriere in "Cats"

Wer hier auftritt, hat in der Regel schon ein paar Künstler-Jahre auf dem Buckel. So wie Christof Schmid, der schon als Halbwüchsiger Gesangs- und Klavierstunden genommen hat. "Man sollte sich vor dem Studium künstlerisch betätigt haben", empfiehlt der 22-jährige. Das schreibt die Studienordnung zwar nicht vor, aber wer bereits ein Instrument spielt oder zum Ballettunterricht geht, erhöht seine Chancen, die harten Aufnahmeprüfungen zu bestehen. Von den 150 Interessenten, die sich jeweils im Februar für das kommende Wintersemester bewerben, werden letztlich nur etwa zehn Personen zugelassen. Manche träumen schon seit Jahren von einer Karriere in "Cats" oder dem "Phantom der Oper". Bei anderen ist das Musical Liebe auf den zweiten Blick. So wie bei Claudia Stangl. "An diesem Fach hat mich zunächst die Kombination aus Musik, Tanz und Schauspiel interessiert", sagt die 25-Jährige, die dieses Jahr ihr Studium als Diplom-Musicaldarstellerin abschließt.

Jetzt stellen die Studenten acht Stühle in die Mitte der Bühne. Jede Sitzgelegenheit sieht ein bisschen anders aus, so wie die Menschen, die darauf Platz nehmen. Ein Stuhl hat eine rote Kunststofflehne, ein zweiter ist aus weißgestrichenem Holz. Die Darstellerinnen tragen weitschwingende Röcke im Stil der Fünfziger oder ein flottes Halstuch. Der klassische Samstagabendflirt beginnt. "Mögen Sie Woody Allen?", fragt ein Herr die neben ihm sitzende Dame. "Gehen Sie mit mir ins Kino?" Die Studenten singen mal einzeln, mal im Chor. Alles dreht sich um die Liebe. Die Quintessenz lautet, mit der Zeile eines Liedes gesagt: "Männer müssen so sein wie ein Tiger".

Die Studenten sehen das Genre Musical durchaus kritisch. "Die Basis, die es bietet, wird oft nicht ausgeschöpft", sagt Christof Schmid. Außerdem seien viele Aufführungen stark kommerzialisiert. Claudia Stangl hält dagegen, dass man mit einem Musical mehr Zuschauer erreichen könne als mit einer Oper. Mit ihrer vielschichtigen Ausbildung können sich die Absolventen außerdem in anderen Bereichen umsehen, in Bands und am Theater spielen. Während des Studiums, das zu Beginn sehr verschult ist, nehmen die Kommilitonen einzeln und in Gruppen Unterricht in Tanz, Gesang und Schauspiel. Der hohe praktische Anteil wird flankiert durch Theorie, zum Beispiel Seminaren in Theatergeschichte. Auch Songschreiben, Improvisation und Atem-Übungen stehen auf dem Stundenplan.

Viele Absolventen treten im Theater des Westens auf, sind an Musicals wie dem "Glöckner von Notre Dame" beteiligt. "Bis jetzt haben wir fast alle in Engagements untergebracht, oft schon vor dem Examen", sagt Professor Stanley Walden, der Leiter des Studiengangs. Frederike Haas, die jetzt im Musical "Chicago" am Theater des Westens eine der Hauptrollen spielt, hat auch an der HdK studiert. Deutschlandweit sind Waldens ehemalige Eleven in etlichen Produktionen der Stella AG zu bewundern. Dass der Musical-Gigant ("Cats" in Hamburg, "Glöckner" in Berlin) im letzten Jahr in eine finanzielle Krise geriet, führe am Fach zwar zu Diskussionen, aber keinesfalls zu Panik, sagt Peter Kock. Schließlich seien die Studenten auch für andere Jobs qualifiziert.

Als der Studiengang vor fast zehn Jahren an der HdK eingerichtet wurde, reagierten die Vertreter der klassischen Fächer skeptisch, erzählt Kock: Musicals gelten hierzulande immer noch als flache Unterhaltung. Mittlerweile ist das Fach gut etabliert. Bewerbungen kommen aus ganz Deutschland. Eine ähnliche Ausbildung gibt es hierzulande nur an wenigen staatlichen Hochschulen, etwa in München.

Harte Arbeit, kostenlos

Wer sich stattdessen für Unterricht an einer privaten Schauspiel-Schule entscheidet, muss unter Umständen viel Geld zahlen. An der HdK kostet das Studium nichts, sieht man einmal von den Einschreibgebühren ab. Doch für die Vorteile müssen die Studierenden auch Nachteile hinnehmen: Auslandsaufenthalte, sonst in vielen Fächern gang und gäbe, sind hier nicht üblich, erklärt Peter Kock: Die zehn Glücklichen, die jedes Jahr ausgewählt werden, bilden eine feste Truppe, aus der man sich nicht ohne Weiteres für ein halbes Jahr verabschieden kann.

Gerade während der ersten Monate müssen sich die Neulinge auf harte Arbeit einstellen. "Ich hatte kaum die Kraft, etwas anderes zu machen", erinnert sich Claudia Stangl. Bis zu vierzig Semesterwochenstunden habe sie geackert, und nebenbei nicht einmal Geld verdient. In den ersten beiden Jahren gilt das Verbot, außerhalb der Hochschule ein Engagement anzunehmen. "Die Studenten sollen erst unseren Stil lernen", sagt Stanley Walden: Da seien sie noch zu unsicher für einen Auftritt in der Öffentlichkeit. Im zweiten Jahr folgt die große Premiere, in diesem Fall eine Kombination aus Tanz, Gesang und Schauspiel: "Alles klar?""Alles klar?" wird am 17., 18. und 19. Februar um 20 Uhr im Theater- und Probensaal der HdK in der Fasanenstraße 1 aufgeführt. Der Eintritt ist frei, Einlasskarten gibt es ab 19 Uhr. Bewerbungen für den Studiengang Musical / Show sind bis zum 26. Februar möglich. Informationen: Tel. 3185 2562.

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