Kultur : Alles kreuzt Dany Paals Schattenspiele im Berliner Mies-Haus

Jens Hinrichsen

Es gibt Bilder, in denen möchte man wohnen, obwohl die Bildräume mitunter ungemütlich sind. Zum Beispiel bei der Künstlerin Dany Paal. Das liegt nicht allein am streng geometrischen Inventar: Ihre „Wände“ vibrieren von Farben. Gitter versperren den Blick. Trotzdem will man hinein. Das Mies-van-der-Rohe- Haus in Hohenschönhausen widmet sich in diesem Jahr der Kunst des Übergangs. Zugleich gibt es seit diesem Herbst ein eigenes Periodikum heraus, das „Mies Haus Magazin“, das sich in seiner ersten Ausgabe dem Denkmalkult widmet – und die Diskussion um eine Wiederherstellung von Mies van der Rohes berühmten, von den Nazis 1935 beseitigten Revolutionsmahnmal auf dem Zentralfriedhof Berlin-Friedrichsfelde von 1926 anstößt.

Dany Paal beherrscht die Kunst des Übergangs mit ihrem Schattenspiel fast kinderleicht (bis 6.November, Oberseestr.60. Katalog 15 €). Paals Bauprinzip ist raffiniert: Auf ihren Bildern kreuzen sich aufgemalte Linien mit solchen, die eigentlich Einschnitte in den Bildträger sind. Diese Sehschlitze geben den Blick frei auf die verschattete Wand hinter den Bildern. Weil sie aber die gemalten Linien zerschneiden, scheinen sie vor ihnen zu schweben. Ein illusionäres Gitter entsteht, in dem Bild- und Realraum auf paradoxe Weise miteinander verflochten sind. Oder ist es gar ein „erotisches Verschwimmen geometrischer Genauigkeit“, wie Stephen Westfall im schönen Katalog schreibt? Das trifft allerdings auf die „turtle-tango“-Bilder aus ausgesägtem und bemaltem Alu weniger zu. Ihre Öffnung ist ziemlich groß und zeigt die unerotisch nackte Wand. Ihre schwarze Umrandung erinnert fatal an Gehäuse von Fernsehapparaten. Lieber leben wir in Dany Paals orangefarbenen oder mattschwarzen, stets zartgeschlitzten Kleinformaten. Oder verfransen uns lustvoll in den schrillfarbenen Labyrinthen der Serie „Elkes Gold“. Oder betrachten die Schattenspielereien im Schlafzimmer der einstigen Industriellen-Villa. Wären die Lemkes tatsächlich hier eingezogen, vielleicht hätten sie mit solchen Bildern wohnen wollen.

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