Kultur : Alles lieben, alles spielen

Das Jazzfest Berlin macht gute Laune und schüttelt Tradition ab. Eine Bilanz

johannes völz

„Jazz ist weder durch eine bestimmte Form definiert noch durch einen bestimmten Rhythmus; es handelt sich vielmehr um eine Methode des Interpreten.“ Das behauptete 1921 eine Kolumnistin des amerikanischen „Ladies’ Home Journal“, die sich Sorgen machte, der demoralisierende Einfluss der damals gerade nach New York schwappenden Musik könnte das Ende des Abendlandes bedeuten. Über 80 Jahre später schmunzelt man über derlei Ängste, besucht das Berliner Jazzfest und stellt fest: Das Jazzverständnis von damals erlebt eine Renaissance, wenn auch unter umgekehrten Vorzeichen. Denn Jazz, so ist man nach 28 Konzerten an fünf Tagen beinahe gewillt zu glauben, bezeichnet ganz einfach die Methode der Hybridisierung.

Ein sardisches Sängerquartett steht in schwarz-weißer Tracht im Kreis um ein Mikrofon und gurrt kehlige Akkorde, während Enzo Favata, hauptamtlich Saxofonist, an ein paar Knöpfen dreht, um den Sängern elektronische Knister-Beats beizumischen. Im römischen Orchestra di Piazzi Vittorio versuchen sich 16 Musiker aus elf Ländern an einem musikalischen Esperanto – mal durchzogen von arabischen Arabesken, mal wippend auf Reggae-Beats. Und der türkische Klarinettist Hüsnü Senlendirici bettet mit Hilfe seines World Ensembles Bosporus-Skalen auf ein klebriges Zuckerwattebett.

Eines aber scheint sich nur mit Mühe mit der traditionellen Jazzfest-Jazzdefinition vereinbaren zu lassen: das, was man landläufig unter Jazz versteht. Sieben bis acht Gruppen waren es vielleicht, deren Musik sich als improvisiert, swingend beschreiben ließe, vielleicht sogar mit einer hörbaren Verwurzelung im Blues. Musik also, die zurückgreift auf ein gemeinsames Repertoire, nicht nur auf eine Methode. Da kommt man mit Zuhörern in Kontakt, die empört die Konzertsäle verlassen – schließlich ist man selbst immer auf dem Sprung von einem Konzert ins nächste. Fast tun sie einem Leid, diese Enttäuschten, die gewiss keine engstirnigen Puristen sind, und dennoch unermüdlich ihren Refrain wiederholen: „Aber das hat doch nichts mit Jazz zu tun“.

Sicher: Peter Schulze, zum dritten Mal künstlerischer Leiter des Jazzfests, stand vor keiner leichten Aufgabe. Nachdem sich das ARD-Fernsehen zurückgezogen hat, wurde ihm das Budget auf 440000 Euro gekürzt – freilich könnte bei den Sparplänen der künftigen Bundesregierung in Zukunft noch viel weniger übrig bleiben, schließlich stammen knapp drei Viertel des Geldes von Bund und ARD- Hörfunk. Istanbul war als übergreifender Schwerpunkt der Berliner Festspiele Pflicht, die italienische Szene wollte er auch noch beleuchten, und wenigstens der eine oder andere Star aus Amerika musste her. Also veranstaltete er unter der Hand zwei Festivals: eines für Jazz im Haus der Berliner Festspiele, bei dem man einige wenige ausgesuchte Größen zu hören bekam. Etwa die Bigband Maria Schneiders, die die Kunst des sinfonischen Spannungsbogens meisterlich auf den Jazz übertrug. Ebenfalls überzeugend: die Neuauflage von Charlie Hadens und Carla Bleys Polit-Bigband „Liberation Music Orchestra“, das sich ohne jede Ironie an patriotischen Gassenhauern wie „America, The Beautiful“ und „Amazing Grace“ zu schaffen machte und damit der amerikanischen Linken gleich noch ein Rezept für konsensfähigen Widerstand an die Hand gab.

Das zweite Festival, zu dem fast das gesamte Rahmenprogramm zählte, verschrieb sich der Weltmusik. Doch Schulzes Plan, in der Zusammenführung des Disparaten selbst zum Meister der Jazzmethode zu werden, ging nicht auf. Alle Weltoffenheit konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich auf den kleinen Bühnen Mittelmäßigkeit tummelte. Zu den wenigen Ausnahmen zählten die Berliner: DJ Illvibe, alias Vincent von Schlippenbach, wurde scratchend zum Chefperkussionisten und genialischen Ideengeber des scharfkantigen Funks von Nu Box. Am selben Abend entzückten Baby Bonk das Quasimodo mit einer einfachen Maßgabe: Alles lieben, alles können, alles spielen.

Beim parallel stattfinden Total Music Meeting in der Berlinischen Galerie spielten übrigens mal wieder die Alt-Avantgardisten Wadada Leo Smith und Cecil Taylor (siehe Berlin Kultur). Welch seliges Vertrauen in die eigene Geschichte! Man wurde ganz neidisch.

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