Kultur : Alles muss man selber machen

Wohnen im Müll: Wie die Künstlerin Designermöbel aus Abfall baut und der Verwahrlosung begegnet

Udo Badelt

Eine Wohnung an der Torstraße in Mitte: unbewohnt zwar, aber möbliert. Die Einrichtung sieht neu, schick und teuer aus. Doch irgendwas stimmt nicht: Die trendigen Lampen an der Küchendecke bestehen aus Lidl-Plastikbierflaschen der Marke „Dresdener Felsenquell“, in die Glühbirnen gedreht wurden. Der elegante Abfalleimer in der Ecke setzt sich aus zwei Farbeimern zusammen, wie man sie für das Streichen von Wänden benutzt. Sie wurden einfach aufeinander montiert und neu lackiert. Die wurmförmigen Lampen an der Wohnzimmerdecke sind keine modischen Relikte aus den Siebzigern, sondern die Sprungfedern einer ausrangierten Matratze, über die man Strümpfe gezogen hat. Und der edle Schreibtisch ist in Wirklichkeit aus verschiedenen Spanplatten zusammengeschraubt.

Die Wohnung ist Teil von Barbara Cavengs Projekt A.R.M. (All Recycled Material). Seit März präsentiert die Schweizer Künstlerin hier Möbel, die aus nichts anderem als Müll hervorgegangen sind – ein künstlerischer Kommentar zu Hartz IV und zur Verarmungsdebatte in Deutschland. Bei fünf Millionen Arbeitslosen und einem seit Jahren flauen Wirtschaftswachstum gerät Armut für immer mehr Leute zur greifbaren Realität. In die Lebenswelt bricht ein Makel ein, der den Menschen in seinen eigenen vier Wänden zum Fremden macht. Das kann man an der Wohnung ablesen, jenem existenziellen Ort, den Vilém Flusser als das Alpha und Omega des Menschen beschrieben hat, den Ort der täglichen individuellen Reproduktion. Wohnen, so Flusser, heißt kommunizieren, mit sich und der Außenwelt. Wo die Wohnung verwahrlost, verwahrlost auch der Mensch und umgekehrt. Deshalb hat Caveng Wege ersonnen, sein Lebensumfeld mit billigen Möbeln aufzuwerten, die nicht billig sind.

Die Auswirkungen öffentlicher Prozesse auf das Leben des Einzelnen, seine Kommunikation mit der Außenwelt, ziehen sich als Thema wie ein roter Faden durch das Werk der 1963 in Zürich geborenen Künstlerin. 2003 war es der Krieg, genauer gesagt der Irak-Krieg. Inspiriert worden war sie durch ein Foto im Tagesspiegel, das 500 US-Soldaten an Deck des Flugzeugträgers Abraham Lincoln zeigt, die sich zu dem Schriftzug „Ready Now“ formiert hatten. Caveng reagierte auf diese Demonstration blanker Macht, indem sie 246 Menschen aus 53 Nationen einlud, über sechs Monate hinweg einen islamischen Gebetsteppich mit eben jenem Motiv zu knüpfen und sich dabei zu unterhalten. Das Kunstwerk besteht aus diesen Gesprächen, die Caveng aufzeichnete und in einer Installation in Berlin, Oslo und Stockholm veröffentlichte.

Nun streift die Frau mit den feuerroten Haaren durch die Straßen Berlins und über Recyclinghöfe, um Holz, Metall, Glas und Einzelteile wie Scharniere und Schrauben aufzutreiben. In ihrer Pankower Werkstatt baut sie die Rohstoffe zu neuen Möbeln zusammen. So macht sie aus aufgegebenen und vergessenen Objekten wieder Gegenstände des Begehrens, die den Entwertungszyklus einer vom Fetisch Ware, wie Walter Benjamin gesagt hätte, und Wegwerfkonsum dominierten Gesellschaft durchbrechen. Wie das Bett „N.O.T.“ (was für Niemals Ohne Traum steht): Es könnte glatt aus dem Charlottenburger Stilwerk stammen. Aber tatsächlich sind die Bohlen von einem Dachstuhl in der Choriner Straße, die Bretter vom Recyclinghof Alba und der Lattenrost „Sultan“ von Ikea, gefunden in der Korsörer Straße in Prenzlauer Berg. Dass alle Möbelstücke eigene Namen haben – die Stühle heißen „S.O.S.“ (Sitzen Ohne Sorgen), der Tisch „A.S.Y.L.“ (Agony Shortens Your Life) – ist nicht der einzige Bezug zu Ikea. Auch Logo und Slogan des Projekts („A.R.M. oder lebst du noch?“) sind dem schwedischen Möbelhaus entliehen, das angeblich so billig ist. „Welcher Hartz IV-Empfänger“, erklärt Caveng, „kann sich mit zehn Euro am Tag die Ikea-Produkte leisten? Für den Bücherregalklassiker ,Billy’ sind immerhin 35 Euro aufzubringen, das einfache Schlafsofa ,Granikulla’ gibt es für 99 Euro ohne Matratze.“

Wer nicht wirklich Not leidet, aber die Idee schick findet, sich mit Möbeln aus Müll zu umgeben, kann bei Caveng die Stücke zum Kunstmarktpreis erwerben. Der Abfalleimer zum Beispiel, dessen Materialwert bei 50 Cent liegt, kostet dann 65 Euro. Menschen, die tatsächlich wenig Geld haben, bietet die Künstlerin die Gelegenheit, sich die Wohnung einzurichten. Dazu müssen sie aber mit anpacken. Für alle Exponate existieren Baupläne, und Interessierte können sich in Cavengs Werkstatt die Möbel mit ihrer Hilfe selbst zusammenschreinern. Sie bezahlen nur die Materialen, die gekauft werden müssen, also etwa den Lack. Die Idee: Die Investition besteht in Zeit, nicht in Geld. Denn in einer Gesellschaft, aus der die Arbeit immer mehr verschwindet und die verbliebene Arbeit nicht gleichmäßig auf alle verteilt wird, haben immer mehr Menschen immer mehr Zeit – mit der sie nicht umzugehen wissen. Das führt zu der paradoxen Situation, dass Berufstätige in ihrer knapper werdenden Freizeit mehr erledigt bekommen als Arbeitslose, die den ganzen Tag zur Verfügung haben. Cavengs Angebot richtet sich auch an Vereine und gemeinnützige Einrichtungen, deren Mittel nicht zur Anschaffung oder Erneuerung von Mobiliar reichen, wie Kindergärten, Nachbarschafts- oder Obdachlosentreffpunkte. Das Konzept ist ausbaufähig: Caveng denkt auch an eine Zusammenarbeit mit den Arbeitsagenturen und betrieblichen Ausbildungswerkstätten.

Die eigene Möblierung als soziale Installation zu begreifen, ist ein radikaler Gedanke. Damit gelangt die Kunst weit über die ästhetische Aneignung der Wirklichkeit hinaus. Sie wird selbst zum materialistischen Akteur, dem es nicht mehr darauf ankommt, die Welt symbolisch zu interpretieren. Sie will sie verändern, koste es, was es wolle – am besten nichts.

A.R.M., Angermünder Straße 1, Besichtigung nach telefonischer Vereinbarung, Tel. 44 974 91, www.a-r-m.net

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