Kultur : Alles muss raus

Zertrümmern! Verwüsten! Andrij Zholdaks „Medea in der Stadt“ an der Berliner Volksbühne

Peter Laudenbach

Endlich räumt mal jemand auf in der Berliner Volksbühne. Alles muss raus – und damit ist nicht nur die Inneneinrichtung einer schäbigen Drei-Zimmer-Wohnung gemeint, deren Mobiliar ein offenbar Wahnsinniger nach und nach aus dem Fenster wirft: Tisch, Kühlschrank, Stühle, der Fernseher, auf dem gerade ein Porno läuft, Trockner und Badewanne. Ein Mann macht im Auftrag höherer Mächte tabula rasa.

Nach vollendetem Werk schwenkt er die Arme in King-Kong-Pose und blickt im Triumph um sich: Hier ist nichts mehr, wie es war. Dieser destruktive Charakter ist jung und heiter. Zivilisatorische Affekthemmungen, die Zumutungen der Höflichkeit, konservative Charakterzüge, die Vorhandenes bewahren wollen, sind ihm fremd. Insofern dürfte er mit dem Rest der Volksbühnen-WG harmonieren. Mit der Unbeschwertheit des Barbaren wischt er das kleinbürgerliche Interieur beiseite. Selbst als kurz eine schöne junge Frau in das verwüstete Etablissement geweht kommt, wird sie nach kurzer Begrüßung („Und, Du auch hier ...“) ebenso umstandslos entsorgt wie die übrigen Besitztümer. Was sich in all den Jahren so angehäuft hat, taugt nur noch für die Müllhalde. „Ich brauche eine völlig neue Beziehung zu völlig neuen Menschen“, grunzt dieser Herkules des Aufräumens, während er die Vorhänge herunterreißt. Die Verwüstung geschieht ohne Hast und unnötige Aufregung. Hier tut ein Mann, was ein Mann tun muss. Und das kann sich ziehen.

In der Volksbühne ist ein neuer Untermieter eingezogen, der ukrainische Regisseur Andrij Zholdak. Vor einigen Wochen zeigte er als Mitbringsel schon mal einige Gastspiele aus der Ukraine. Es waren Inszenierungen, die an Kitsch, Kunstgewerbe und Sexismus nichts zu wünschen übrig ließen. Man konnte, nun ja, gespannt sein auf Zholdaks erste Volksbühnen-Regie. Mit „Medea in der Stadt“ ist ihm das Kunststück gelungen, die schlimmsten Erwartungen zu übertreffen und gleichzeitig eine in ihrer ungebrochenen Dumpfheit teilweise ziemlich lustige Show hinzulegen.

Zunächst macht sie sich, jedenfalls in der ersten Hälfte, von allen Zumutungen frei, etwas über „Medea“ (gar noch in der Fassung Heiner Müllers), erzählen zu müssen. Stattdessen geht es um eine gestohlene Kuh und die Schwierigkeiten, sie zu schlachten, um den Straßenstrich in Zholdaks ukrainischer Heimat, um Sänger, die ihre Tonleitern üben und ein paar Foltertechniken für den Hausgebrauch. Aber eigentlich geht es um nichts anderes als um die stumpfsinnigste und in stoisch absolvierten Wiederholungsschleifen zermürbte Lust (oder Unlust) am Spiel. Wenn schon Regression, dann richtig.

Dieser zweckfreie Unsinn will nirgendwo hin, es genügt ihm, sich selbst zu gefallen und das Publikum mit leer laufenden Szenen zu erfreuen oder zu quälen. Selbst die eingangs beschriebene Demolierung des Hausrats führt zu nichts. Nachdem ein großartiger Frank Büttner, laut Programmzettel in der Rolle des Kreon, das WG-Gemach auf der Bühne zerlegt hat, kommt, was Nietzsche die ewige Wiederkehr genannt hat und Ludwig Erhard die Marktwirtschaft: neue Ware. Diesmal ist es eine von schwäbischen Möbelpackern in die Wohnung gestemmte Ikea-Einrichtung. Achtung, Botschaft: Wir sind jetzt im Westen. Hier ist alles ein bisschen moderner und bunter. Was aber, siehe Nietzsche, auch nicht viel hilft. Auch das neue Mobiliar wird wieder zerlegt, diesmal unter tatkräftiger Mitwirkung Jasons (unzerstörbar: Marc Hosemann). So geht der Abend seinen Gang.

Das in Avantgarde-Gewittern gestählte, eigentlich durch nichts mehr zu erschütternde Volksbühnen-Publikum dürfte – wenn es nicht irgendwann im Lauf der gut fünfstündigen Vorstellung sanft wegdämmert– an der Deutung dieses Abends lange zu knabbern haben. Ist das jetzt das nächste große Ding? Ist es einfach nur unglaublicher Trash? Meinen die das wirklich ernst? Ist es so schlecht, dass es schon wieder gut ist? Oder vielleicht noch ein bisschen schlechter?

Zholdak ist die nicht zu unterschätzende Leistung gelungen, den mit Abstand grauenvollsten, komischsten und bizarrsten Volksbühnen-Abend zu inszenieren, seit bei einer unvergessenen Schlingensief-Show „die fetteste Nutte Deutschlands“ in einem Käfig saß und ankündigte, „die Scheiße vom Führer“ zu verspeisen, was sie dann auch tat. Mit seinem deutsch-ukrainischen Ensemble gelingt Zholdak eine vollständige Volksbühnen-Vernichtung. Die perfekte Travestie der in die Jahre gekommenen Stilmittel des Hauses, die hier in der Schrumpfform folkloristischer Scherzartikel serviert wird.

Nichts fehlt, auch nicht die Kartoffelsalat-Schlachten der frühen Jahre, die hier mit Kartoffelbrei liebevoll nachgestellt werden. Bert Neumanns Wohncontainer von außen und von innen, Anna Viebrocks Aufzüge, Marthalers Choreografie der an die Wand blickenden Menschengruppen und die Video-Übertragungen aus den geschlossenen Wohn-Käfigen – alles wird zitiert und entkernt, bis nichts mehr übrig ist als der pure Effekt. So etwa stellt man sich die Las-Vegas-Variante der Volksbühne vor: laut, aber doof. Hohl, aber brachial unterhaltsam.

Kurioserweise aber scheint das alles nicht etwa als bösartige Travestie, sondern auf eine etwas konfuse Weise ernst gemeint zu sein. Ausgiebiger konnte man die Missverständnisse, die Castorfs Theater auszulösen in der Lage ist, noch nie besichtigen. Wer, wie der pflichtbewusste Berichterstatter, der Verführung erlag, auch den Spielverlauf der zweiten Halbzeit vollständig zu verfolgen, musste dann leider noch einige Stunden lang das ertragen, was Zholdak offenbar für surrealistisches Bildertheater hält: wieder Kitsch, wieder Sexismus, Geisterbahn-Pop und jede Menge Probenabfälle. Ohne diesen recht klebrigen zweiten Teil wäre es ein grandios grauenvoller Abend der unfreiwilligen, aber desto durchschlagenderen Komik gewesen.

Wieder heute sowie am 1., 3. und 4.12.

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