Kultur : Alles nur Tarnung

Militär macht Mode: Ob Matrosenanzug, Trenchcoat oder Cargohose – Soldaten waren immer auch Trendsetter. Nur im Krieg ist Uniform uniform

Susanna Nieder

Pressebriefing im Hauptquartier der US-Armee am Persischen Golf. General Tommy Franks tritt im weit geschnittenen, mit sandfarbenen Wüsten-Camouflagemuster bedruckten Kampfanzug vor die Kameras. Keine Epauletten, denn die vier Sterne sind seit neuestem von oben nach unten auf dem Kragenspiegel angeordnet. Hinter dem General weitere hochrangige Soldaten der Koalition, in verschiedene Camouflage-Designs gekleidet.

Im Video zu ihrer neuesten Single „American Life“ tanzt Madonna im hautengen Camouflageanzug, links und rechts hinter ihr mehrere Backgroundsängerinnen im Military-Look. Madonna hatte das Video vor dem Krieg aufgenommen, inzwischen hat sie es aus „Rücksicht auf die kämpfende Truppe“ zurückgezogen. Die Bilder der Sängerin im Kampfanzug sind gesperrt.

Golfkrieg, Tschetschenien, Balkan, Afghanistan, ein weiterer Golfkrieg – haben sich unsere Sehgewohnheiten verändert? Hängt es mit den Kriegen des letzten Jahrzehnts zusammen, dass immer mehr Elemente von Militäruniformen in unserer Alltagskleidung verarbeitet werden? Fast jeder, ob Mann oder Frau, hat irgendetwas davon im Kleiderschrank: Kampftauglich geschnittene Cargohosen mit vielen Taschen, Farbtöne von Oliv bis Khaki, robuste, aber leichte Schnürstiefel? Finden wir jetzt schön, was uns befremdlich erschien, als die Bundesrepublik noch ein Land war, in dem man praktisch nie Militäruniformen zu Gesicht bekam?

Eine Umfrage ergab 2001, dass nur sieben Prozent aller Deutschen einen Mann in Uniform erotisch finden. Hundert bis 150 Jahre früher wären es sicher 97 Prozent gewesen. Im 19. Jahrhundert und besonders unter Wilhelm II. verkörperte ein „schneidiger Offizier“ das Idealbild männlicher Schönheit; begehrtere Heiratskandidaten gab es nicht. Als „Preisschild der Ware Mann“ bezeichnet die Kulturhistorikerin Sabina Brändli die Uniformen und Rangabzeichen, an denen heiratsfähige junge Damen und deren Eltern den Marktwert eines prospektiven Bräutigams ablesen konnten wie auf einer Tabelle.

Es ist nicht neu, dass Militäruniformen Zivilkleidung beeinflussen. Im 30-jährigen Krieg kamen die Landsknechte mit aufgeschlitzter Kleidung zurück. Diese Kriegsspuren verliehen den Trägern so viel sozialen Respekt, dass daraus die Mode entstand, fast alle anderen Kleidungsstücke auch mit künstlichen Schlitzen so verzieren.

Mit der gesellschaftlichen Neuordnung nach der Französischen Revolution kamen Uniformen in ganz Europa in Mode. Sie schafften Selbstbewusstsein und Identität, nicht nur Militärs trugen sie mit Stolz, sondern auch zivile Berufsstände vom Kammerherrn bis zum Bergmann. Es wurde praktisch jede Gelegenheit ergriffen, sich in Uniform zu kleiden, der Zivilist galt nicht viel. Man war jetzt Staatsbürger mit allen Rechten und Pflichten, unter anderem der Wehrpflicht. Im 18. Jahrhundert hatte noch die reich verzierte Kleidung der Herren die Unterschiedlichkeit der Geschlechter verwischt. Der „Justaucorps“ genannte, knielange taillierte Rock war so geschnitten, dass die Hüften breit erschienen, Brust und Schultern schmal, der Bauch wohlgenährt.

Nach dem Fall des Ancien Régime mit seiner dekadenten Verfeinerung entdeckte man das antike Ideal männlicher Schönheit wieder. Die Uniformmode orientierte sich an Napoleons Armee, der Schnitt ließ die Hüften schmal und die Beine lang erscheinen, und erzwang durch knappen Spielraum in Rücken und Schultern eine tadellos gerade Haltung, Epauletten verbreiterten die Schultern optisch.

Dreijährige im Matrosenanzug

Für Damen wurde (vom kurzen Zwischenspiel der locker fallenden Empiremode abgesehen) das Korsett zur Pflicht, das die schmale Taille nicht nur formte, sondern verformte, den Busen hervorhob und die Hüften runder erscheinen ließ. Nie wurde der Unterschied zwischen den Geschlechtern mehr betont als im 19. Jahrhundert. Staatsbürger war der Mann, die Frau Publikum bei der Ausübung seiner Pflichten. Die Jungen wurden auf den Ernst des Lebens vorbereitet, indem man sie drillte, ihnen Kriegsspielzeug schenkte und sie in Miniuniformen mit Pickelhaube ablichtete. Die Mädchen bekamen Ausschneidepuppen, an deren Uniformen sie Ränge und Regimenter auswendig lernen konnten.

Die Mode der Matrosenanzüge und später auch -kleider, vom Adel schon im 18. Jahrhundert gepflegt, verbreitete sich im deutschen Bürgertum, nachdem der spätere Kaiser Wilhelm II. der Öffentlichkeit dreijährig im Matrosenanzug präsentiert wurde, einem Geschenk seiner Großmutter, der englischen Königin Victoria.

Schon lange war der Justaucorps auch für Zivilisten untragbar geworden. An seine Stelle trat der nüchterne und praktische englische Reitrock, entstanden nach dem Vorbild der sparsam geschnittenen Uniformen. Aus diesem Rock entwickelte sich der Herrenanzug, wie er heute getragen wird. Er ist eins der prominentesten Beispiele für Bekleidungselemente von Uniformen, die nicht aus ästhetischen Gründen in die Zivilkleidung eingehen, sondern wegen ihrer Funktionalität.

Funktionalität wurde dann eine der Hauptforderungen an die Mode im 20. Jahrhundert – und für die Armee: die Armbanduhr wurde für die Soldaten im Ersten Weltkrieg entworfen. Bis dahin trug man die Uhr in der Westentasche oder ans Kleid gepinnt, doch Zeit und deren genaue Abmessung wurde im 20. Jahrhundert zu einem so entscheidenden Faktor, dass die jederzeit sichtbare Uhr für jedermann bald unabdingbar war.

Ebenfalls aus dem Ersten Weltkrieg stammt ein Klassiker an Funktionalität und Eleganz. 1917 entwarf Thomas Burberry für die Soldaten der britischen Armee einen gegürteten Mantel, geeignet für den Kampf im Schützengraben. Schützengraben heißt auf Englisch „trench“. Viele Soldaten trugen ihre praktischen, weil leichten und durch Material und Kragenschnitt gut gegen Wind und Wetter schützenden Regenmäntel nach Kriegsende weiter. So wechselte der Trenchcoat in den Fundus der Zivilkleidung, bald auch für Frauen. Auch die Shorts, die als lässige Herrenhosen aufgekommenen Chinos und die Farbe Khaki sind von Uniformen der britischen Armee in Indien und anderen Gegenden des Empires übernommen worden.

Auch innerhalb des Militärs hatte Funktionalität das Repräsentierbedürfnis zurückgedrängt. Schon in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts waren in Europa die leuchtend bunten Uniformen, an denen man die eigenen Kameraden erkannte, zur besseren Tarnung durch feldgrüne ersetzt worden. Ein ganz neuer Anblick waren die Soldaten der US-Armee, die im Zweiten Weltkrieg in leichten Kampfuniformen in Europa einzogen. Erstmals zeigten sich auch Generäle in Uniformen, die wie das Camouflage-Outfit von Tommy Franks mehr nach Fronteinsatz als nach Repräsentation aussahen. Die Kleidung des Militärs war leichter, bequemer, funktionaler als die europäischen, mit mehr Baumwoll- als Wollanteilen; die Schuhe hatten keine schweren Leder- sondern Kautschuksohlen. „Die GIs brachten ein ganz neues Lebensgefühl mit, von der Musik über Kaugummi und Bürstenschnitt bis zum elementaren Kleidungsstück einer jeden modernen Garderobe, dem T-Shirt“, sagt Hannelore Gabriel, Dozentin für Medien- und Modesoziologie.

Die schwarze Lederjacke nach dem Vorbild der Fliegerjacke der US-Luftwaffe wurde modern; die Jeans, von den GIs als Freizeithose getragen, kamen mit der US-Armee nach Europa, auch das Hawaiihemd und Nylons für die Frauen. „Die jungen Deutschen, in einer Kultur aufgewachsen, die ihnen keine Identifikationsmöglichkeiten mehr bot, nahmen die Anregungen dankbar auf“, sagt Gabriel. Lederjacke, T-Shirt und Jeans wurden wenige Jahre später durch Marlon Brando und James Dean zur Rebellenuniform gemacht und waren dadurch umso willkommener.

Die neu aufkommenden Jugendsubkulturen griffen jetzt auch Elemente aus der Militärbekleidung auf – um Stilbrüche herbeizuführen. Die Ersten, die den Militärfundus so gegen den Strich bürsteten, waren die „Teddyboys“, kurz Teds, Jungs aus der englischen Arbeiterklasse, die ihre Eltern wie sozial höher Gestellte mit einem aufreizend dandyhaften – also mit der Upper Class assoziierten – Aufzug provozierten, über dem sie Armeeparkas trugen.

In der Antikriegsbewegung war es Ende der Sechziger gang und gäbe, Teile von Militärausrüstungen zum Gegenteil umzufunktionieren: Parkas, feldgrüne Taschen und Hosen aus dem Army-Surplus-Laden wurden mit dem Peace-Zeichen verziert und zu langen Haaren, Jesuslatschen, bunten indischen Gewändern getragen – also zu allem, was den geschorenen Köpfen, Stiefeln und männlich-funktionalen Kleidern der Armee entgegengesetzt war. In dem ironischen Bruch formulierte sich die Distanz zum Krieg.

Den Dschungel überleben

Martin Wuttke, Berliner Designer und Stilberater vom Label NextguruNow, sieht die Wurzeln des Militarytrends in der aktuellen Straßenmode der Punkbewegung. „Alle paar Jahre werden Militarythemen in der Mode als der letzte Schrei bezeichnet. Dabei sind sie seit den Punks fester Bestandteil der Outfits vor allem junger Leute, die sich durch den Großstadtdschungel schlagen.“

„Surviving the urban jungle“ erscholl das Schlagwort von New York über London bis nach Tokio. Die Punkbewegung, aggressiver und auf Provokation aus, entstand 1975 in London um den legendären Laden „Seditionaries“ von Vivienne Westwood und Malcolm McLaren. Ihre radikalsten Vertreter stammten zumeist ebenso wie die Skinheads aus der Arbeiterschicht und konnten auf keine herkunftsbedingten Privilegien zurückgreifen. Zu ihrer Montur gehörten nicht nur Netzhemden, Sicherheitsnadeln, Lederjacken und absichtlich zerfetzte Kleidung, sondern immer wieder auch Klamotten aus Armeebeständen.

Das hatte nicht zuletzt praktische Gründe. Arbeits- und ausgemusterte Militärbekleidung ist billig, haltbar und mit vielen nützlichen Details versehen. „In eine flache Tasche passt gerade mal der Personalausweis“, sagt Wuttke. „In einer Blasebalgtasche, die aufgeht wie eine Ziehharmonika, kann man alles Mögliche unterbringen.“ Diese Vorteile wussten auch die Jugendlichen zu schätzen, die nach den Punks durch die Großstädte zogen, von der Friedensbewegung über die Straßenkämpfer bis zu den Ravern.

Auch in den Mainstream gingen viele dieser Details ein – ob Jean Paul Gaultier daraus eine Haute-Couture-Kollektion kreiert oder H & M den neuen Stil für jedermann zugänglich macht. Cargohosen, Jacken mit vielen Taschen, robuste Stiefel werden als Freizeitkleidung geschätzt, weil sie funktional sind. Vermutlich haben auch die modernen Umhängetaschen ihr Vorbild in den militärischen Kuriertaschen. Insofern hängt der Trend zu Details aus der Militärbekleidung eher mit dem Bedürfnis nach immer mehr Funktionalität zusammen als mit der Veränderung von Sehgewohnheiten.

Anders ist das bei rein ästhetischen Stilelementen wie dem Camouflagemuster. Camouflage ist ein modischer Dauerbrenner. Franks’ Vorgänger im letzten Golfkrieg, Norman Schwarzkopf, trat auch im Camouflage-Kampfanzug an, allerdings in wüsten- untauglichem Grün. Der Stil hat sich verfeinert, die visuelle Botschaft ebenfalls. Sie lautet nun: „Ich bin Teil der Truppe.“ Und auch wenn Franks erst nach der Eroberung Bagdads in den Irak reiste – den Eindruck von Wüstenstaub und Schweiß wird die Welt von den Pressekonferenzen im Gedächtnis behalten.

Normalerweise verlieren auch die radikalsten Modestatements ihre Kraft zur Provokation, sobald sie gesellschaftlich akzeptiert sind. Korsettfreie Kleidung? Hosen für Frauen? Nackte Brüste? Alles uralte Hüte, als Provokation nur noch aus dem historischen Zusammenhang erkennbar. Camouflagemuster dagegen, ursprünglich entworfen, um den Träger unsichtbar zu machen, sind seit dreißig Jahren ein Hingucker: Es ist ein visuelles Signal, das man immer wieder im Zusammenhang von kämpfenden Kriegsparteien und verängstigter Zivilbevölkerung zu sehen bekommt, auf knapp geschnittenen Blusen, Bikinioberteilen und Miniröcken wiederzufinden. Manche finden es geschmacklos, andere schätzen den ironischen Bruch, der sich so herbeiführen lässt: „Wenn ich als Wehrdienstverweigerer in Camouflagehose und rosa T-Shirt auf die Straße gehe, bleibt zwar die Geschichte meiner Hose eine kriegerische, aber durch ihren Träger und sein restliches Outfit wird sie umgedeutet“, sagt Wuttke.

Camouflagemuster ziehen in einem nicht militärischen Kontext automatisch Blicke auf sich. Will der Träger damit Wehrhaftigkeit signalisieren oder ist das Gegenteil gemeint? Ist vielleicht eine Friedenstaube auf das braun-grüne Muster aufgenäht oder gefällt der Trägerin einer knapp sitzenden Camouflagebluse einfach der Gegensatz zwischen dem sexy Schnitt und dem martialischen Oberflächendesign? Die Zeichen sind uneindeutig geworden.

Auf der Streetwear-Messe „Bread and butter“ im Januar hatten die knapp 300 Aussteller jedenfalls eine Vielzahl an militärisch anmutenden Details im Angebot. „Die ganze Branche hatte die Hosen voll: Wie viel Army sollen wir ordern?“, sagt Wuttke. Die Sorgen waren überflüssig. In einer Blitzumfrage des Fachblatts „Textilwirtschaft“ sehen deutsche Einzelhändler wegen des Golfkrieges kein Ende des Trends: „Ich habe viel stärkere Rückgänge befürchtet, aber die Leute assoziieren den Look überhaupt nicht mit dem Krieg. Sie sehen das als Fashion Statement oder wenn schon, dann eher als Provokation gegen den Krieg“, sagt eine Einzelhändlerin aus München.

Es wird auch nicht als Gegensatz empfunden, seine Ladenfenster mit dem Peace-Zeichen zu schmücken und drinnen Camouflage-Cargos zu verkaufen. Eindeutig ist die Botschaft militärischer Kleidung nur noch, wenn die Montur vollständig und der Zusammenhang klar ist – wie im US-Hauptquartier am Persischen Golf.

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