Kultur : Alles Reform

Lücke gefüllt: Übersicht zum Kirchenbau von 1950 bis 2000

Bernhard Schulz

Der Kirchenbau ist erst in jüngerer Zeit wieder zu einer bedeutenden Aufgabe der Architektur geworden. Beispielhaft genannt sei der (überkonfessionelle) „Christus-Pavillon“ auf der Expo von Hannover 2000. Der viel gepriesene Bau steht nach wie vor, allerdings versetzt ins thüringische Volkenroda. Mit solcher „Mobilität“ schließt er an die „Notkirchen“ der unmittelbaren Nachkriegszeit an, bei denen einfache Montage und temporäre Nutzung im Vordergrund standen. Zugleich bot der damalige Kirchenbau die Möglichkeit, der Architektur ihre in der NS-Zeit korrumpierte Würde zurückzugeben.

Von hier aus schlägt denn auch ein bemerkenswertes Buch den Bogen in die Gegenwart, das – man staune – den ersten Überblicksband zum Thema seit rund vier Jahrzehnten darstellt: „Europäischer Kirchenbau 1950-2000“ (Wolfgang Jean Stock (Hrsg.) Europäischer Kirchenbau 1950 – 2000. Prestel Verlag, München 2002. 320 S. m. 520 Abb., Ln. 59 €). Geografisch greift es auf West- und Nordeuropa aus; der Schwerpunkt des neuen Kirchenbaus allerdings lag und liegt in den deutschsprachigen Ländern. Die Vorläufer dieser neuen, anspruchsvollen Architektur reichen für den katholischen Kirchenbau in die zwanziger Jahre und die damals angestoßene liturgische Reform zurück, die ihren Segen erst mit dem II. Vaticanum erhielt. Aus dieser Sicht will die im Buch vorgenommene Trennung in katholischen und protestantischen Kirchenbau für die Zeit ab 1965 nicht mehr recht einleuchten, da die Anordnung von Altar und Kanzel, Bänken und Fenstern konfessionsunabhängig immer freier wurde. Erst seit etwa fünfzehn Jahren tritt eine dezidiert sakrale Architektur wieder in den Vordergrund. Sie ist im Buch mit Beispielen von Peter Zumthor (Kapelle Sogn Benedtg in Graubünden, 1988), Allmann/Sattler/Wappner (Herz-Jesu-Kirche München, 2000) oder aber der eigenwilligen Berliner Versöhnungskapelle von Reitermann/Sassenroth auf dem ehemaligen Mauerstreifen an der Bernauer Straße (2000) anschaulich vertreten. Eine vollgültige Bischofskirche allerdings ist zuletzt in Frankreich entstanden: die Kathedrale in der Retortenstadt Évry bei Paris von Mario Botta (1995).

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