Kultur : Alles richtig

Ulrich Clewing

Seltsam, wie bestimmte Orte, von denen man dachte, sie seien erledigt, auf einmal wieder Bedeutungszuwachs verzeichnen. Jedenfalls wurde in den letzten Wochen über die Auguststraße so viel geredet, wie schon lang nicht mehr. Wo doch – erstens – die Galerien in der Linienstraße eigentlich viel interessanter sind. Und zweitens die drei Biennale-Kuratoren Ali Subotnik, Maurizio Cattelan und Massimiliano Gioni in New York eine Zeit lang die „Wrong Gallery“ betrieben haben. Wenn man aus diesen beiden vermeintlich unzusammenhängenden Mitteilungen die Summe zieht, ergibt sich unter dem Strich auf wundersame Weise: die Adresse der Galerie Klosterfelde (Linienstraße 160). Dort läuft gerade die sehr eindrucksvolle Ausstellung Wrong , kuratiert von Jens Hoffmann vom Londoner ICA, die sicher noch um einiges mehr beeindrucken würde, könnte man den Raum auch tatsächlich betreten. Aber die Tür ist zu: Studiert man dann das Schild mit den Öffnungszeiten (Montags 11 – 18 Uhr, Dienstag bis Sonntag geschlossen, bis 19. Juni), macht plötzlich alles Sinn: In der Ausstellung mit Arbeiten unter anderen von Marcel Duchamp, John Cage, John Baldessari und Maurizio Cattelan (sic!) geht es um Wege und Möglichkeiten, Dinge komplett falsch zu machen. Was soll man sagen: Funktioniert prächtig – zumal die echte Wrong Gallery auch ständig geschlossen war.

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Dass da etwas nicht stimmen kann, dieser Gedanke kommt einem auch vor den Arbeiten des 1968 in Bielefeld geborenen Jens Reinert , welche derzeit zusammen mit Werken von Pauline Kraneis in der Galerie M. + R. Fricke zu sehen sind (Linienstraße 109, bis 6. Mai, Dienstag bis Freitag 14 – 19 Uhr, Sonnabend 12 – 16 Uhr). Reinert stellt kleine Architekturmodelle auf hohe Sockel, die auf den ersten Blick sehr putzig anzuschauen sind: eine Altbauwohnung oder ein gläserner Würfel, der sich als Nachbau des Eingangs zu einem Aldi-Supermarkt herausstellt. Bei näherer Betrachtung wird klar, dass es diesen Eingang aber schon aus praktischen Gründen gar nicht geben kann und auch die Wohnung wirkt ungesund gequetscht (je 4000 Euro). Modellbauer sind manchmal komische Menschen: Sie schaffen eine Welt nach ihrem Willen und drehen das Ganze gern ein bisschen ins Absurde.

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Dabei ist doch die Welt, so wie sie ist, auch schon rätselhaft genug, würde jetzt vielleicht der Maler Ingmar Alge sagen. Alge, Jahrgang 1971, aus dem österreichischen Vorarlberg wurde bekannt mit Gemälden von unglaublich unspektakulären Ein- und Mehrfamilienhäusern aus der Gegend, aus der er stammt. Wobei er die Perspektiven stets so wählte, dass der Betrachter das Gefühl hatte, die Dinge seien unmerklich aus dem Lot geraten. Bei seinen neuen Bildern, die zurzeit in der Galerie Kuckei + Kuckei zu sehen sind (Linienstraße 158, bis 13. Mai, Dienstag bis Freitag 11 – 18 Uhr, Sonnabend 11 – 17 Uhr) hat Alge die Schraube noch ein wenig angezogen: Eine Mutter mit ihrem Sohn, der durch ein Fernrohr einen Flugplatz beobachtet; eine Figur im roten Anorak während eines Unwetters am Strand, deren Gesicht man aber nicht sieht; ein Mann und eine Frau auf einem Golfplatz. An sich alles völlig normale Situationen, die eben nur leicht neben der Spur liegen und dadurch Vorgänge, Begebenheiten, Geheimnisse suggerieren, deren Lösung nicht einmal am Horizont in Sicht ist. Was tut sich da? Man wird es nie erfahren.

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