Kultur : Alles schwebt

Klaus Hammer

Faszinierend die Breite und Dichte eines Werkes, in dem sich eine ganze Epoche mit Weltkrieg, Weltkatastrophen, Weltveränderungen widerspiegelt. Was vermochte da Kunst für ihn zu sein: Selbsterkenntnis, Welterfassung? Kunst ist kein Abbild der Realität, sondern Spiegel, sagte er bei Eröffnung seiner großen Berliner Retrospektive vor zehn Jahren. Seine Arbeiten seien in einer bestimmten Zeit entstanden und deshalb auch an sie gebunden. Aber die Zeit sei nur das Material für die Kunst. Alle Elemente der Bilder werden zu Metaphern des Verwandlungsprozesses, der sich in der Malerei selbst vollzieht: von der Figur zur Abstraktion, von der Idee zu ihrer Materialisierung in der Form. Es geht um eine Kunst, in der alles schwebt, fließt und so ein dichtes Gewebe bildet, in dem die Bedeutungen und Formen sich vervielfältigen.

Im Alter von 86 Jahren ist Jan Kotik, der Senior der tschechischen Malerei, nun in Berlin, wo er seit 1969 lebte, gestorben. Der 1916 in Turnov geborene Maler, Mitglied der Akademie der Künste Berlin-Brandenburg, ließ sich nie auf einen Grundkanon des sozialistischen Realismus vereidigen, für den damals selbst der traditionelle Modernismus suspekt war, noch während der anschließenden Berliner Emigrationszeit in andere Stilzwänge, den Surrealismus oder Tachismus, einbinden. Er gehörte zunächst der während des Krieges in Prag gegründeten "Gruppe 42" an, die eine strikt gegenständliche Malerei der Wirklichkeit forderte. Großstadt, Mensch, Technik waren die Themen seiner frühen Arbeiten.

Seit Ende der 50er Jahre ging er dann von der figurativen Komposition zum gegenstandslos strukturierten Bild. Er erfand Strukturen im Ungeformten. Die Auflösung der Körperformen, die Verdrehungen, die Fratzen, die knorpelhaften, verwachsenen, exaltierten Formen hatten aber nicht zerstörerische Funktion, es waren vielmehr Wiederherstellungen. Die visuellen Zeichen verdichteten sich in expressiver Farbigkeit zu Chiffren, Enblemen, Signalen. Nirgendwo schien es ein Zentrum, einen ruhenden Pol zu geben, ständige Brüche, Umschichtungen, Abbrüche und Neuansätze, Rekonstruktionen eben, ereignen sich in den Bilderschreinen, die er aus Fragmenten und gefundenen Bildausschnitten entwarf.

Bald hoben sich die Arbeiten von der Wand ab, wurden zu Raumgemälden, malerischen Plastiken, Objekten, konstruktiven Variablen und zu Installationen. Es gab nichts Wichtigeres für ihn als Befreiung, er setzte den Widerspruch und die Uneindeutigkeit, vereinte das Abstoßende mit dem Faszinierenden, das Gerade mit dem Schiefen, das Weiche mit dem Harten, das Harmonische mit dem Chaotischen, das Banale mit dem Bedeutsamen, spielte die ganze Fülle möglicher Farbgebungen durch.

Seit den 80er Jahren wurde in seinem Schaffen die strukturale Analyse von einer abstrakten Farbfeldmalerei verdrängt. Monochrome Bilder entstanden, farbige Quadrate im Quadrat, die sich von der Wand lösen, diagonal getrennte, im Winkel gegeneinandergesetzte Farbflächen unterschiedlicher Größe, die sich dann auch wieder zu einer Einheit zusammenfügen, anonyme, neutrale Elementarformen. Endloser Raum der Symmetrien, Kreuzungen und Brüche. Permanente Veränderung war seine Freiheit als Künstler in einer sich permanent verändernden Welt.

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