Kultur : Alles schwebt

Russische Avantgarde im Frankfurter Ikonenmuseum

Christian Huther

Im Westen begeisterte man sich für afrikanische Kunst, im Osten besann man sich auf die eigenen Wurzeln. So kam in Russland vor über einhundert Jahren die traditionelle Ikonenmalerei zu neuen Ehren. Ähnlich erging es den Lubki, den populären Druckgrafiken. Auch Avantgardisten wie Malewitsch, Lissitzky oder Kandinsky beriefen sich auf sie.

Diese Vorbildwirkung der Ikonen und Lubki mit ihren klaren Linien, kompakten Formen und leuchtenden Farben ist erforscht. Aber eine umfassende Gegenüberstellung wagte bisher kein Institut. Einen geglückten Versuch mit vielen verblüffenden Ähnlichkeiten unternimmt jetzt das Ikonenmuseum in Frankfurt/Main (bis 25. April; Katalog im Legat-Verlag, 33 €). Unter ein Dutzend Avantgardisten wird besonders Marc Chagall hervorgehoben, dessen schwebende Figuren Pate standen für den publikumsträchtigen Ausstellungstitel: „Als Chagall das Fliegen lernte“ weist nämlich vielerlei Einflüsse auf den populären Künstler nach.

Auch bei anderen Künstlern ergeben sich Ähnlichkeiten bis in die Kopfhaltung, etwa bei der „Feuerflammenden Gottesmutter“ des 19. Jahrhunderts und Kusma Petrow-Wodkins Madonna der Zwanzigerjahre. Und die Ikone des „Christus Pantokrator“ ersteht als Lenin-Ikone wieder auf, natürlich mit Hammer und Sichel.

Schließlich gelang Kuratorin Snejanka Bauer bei Kasimir Malewitsch eine überraschende Entdeckung. Seine schwarzen Bilder, die er „Ikonen der gegenwärtigen Zeit“ nannte, könnten nämlich von alten Ikonen herrühren. Die dunkelten im Laufe der Zeit so stark nach, dass ihre Motive verschwanden. Solche schwarzen Ikonen waren in vielen Kirchen verbreitet. Die Gläubigen störte das nicht. Für sie war das Abbild ein Urbild. Ähnlich sprach Malewitsch davon, die Welt auf einzelne Motive zu reduzieren. Das Ikonenmuseum stellt also nicht nur Chagall vom Kopf auf die Füße.

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