Kultur : Alles so schön bunt

Die Berliner Raab Galerie unternimmt eine Zeitreise in die Sechzigerjahre

Ulrich Clewing

Heute herrscht in der Kunst Pluralismus. Alles geht, jedes Experiment ist ausprobiert, jeder Stil schon einmal da gewesen, heißt es. Wohin man schaut, ist es ein einziges großes Nebeneinander: Malerei, Bildhauerei, Installation, Video, gegenständlich oder ungegenständlich, politisch oder unpolitisch, minimalistisch oder von barocker Opulenz. Es gibt nicht wenige, die dies für einen Ausdruck von Beliebigkeit halten. Was ungerecht ist und nur zeigt, wie trügerisch doch das Gedächtnis sein kann.

„Zwischen Mauerbau und Mondlandung“ lautet der Titel der Ausstellung, mit der die Raab Galerie einen Blick auf die Sechzigerjahre wirft. Das hat einiges für sich, denn diese Ära ist ein wundervolles Beispiel für einen zumindest im Rückblick fast dramatisch erscheinenden Verlust von Verbindlichkeit. Dies wiederum kam natürlich nicht von ungefähr: Die letzte große Glaubensdebatte zwischen Figuration und Abstraktion war bis zur Verbitterung zu Ende geführt, nun dominierten die kleinen Streitereien zwischen Alten und Jungen, Lehrern und Schülern, Schülern und Schülern.

Zu Beginn des Jahrzehnts kann man noch eine gewisse Ordnung erkennen. Die Protagonisten der informellen Malerei, die sich nach dem Krieg zum Maß aller Dinge aufgeschwungen hatten, malten in gestischer, unbestimmt transzendent-religiöser Manier unbeirrt weiter. Uneingeschränkter Zustimmung durften sie sich dabei allerdings nicht mehr sicher sein. Eine junge Generation von Künstlern empfand geringe Neigung, sich vorschreiben zu lassen, was zu tun oder zu lassen sei. Hochschulabgänger wie Baselitz, Lüpertz und Schönebeck widmeten sich mit Wonne wieder dem Realismus, und hier speziell dem Menschenbild. Allerdings nicht wie es in der DDR, die sie verlassen hatten, als Doktrin verbreitet wurde, sondern ungeschlacht, roh, betont expressiv. Und gerne auch ein bisschen schockierend, weshalb es nicht lange dauerte, bis sich die realistische Fraktion in viele realistische Unterfraktionen spaltete. Schließlich gab es noch genug andere verpönte Genres, wie die Landschaft oder das Stillleben.

Und dann gewann die Innovationsmaschine langsam an Fahrt. Die Pop-Art produzierte den nächsten Bruch und die nächste neue Künstlergeneration. Dazu gesellten sich jene Maler und Bildhauer, die den mittleren Jahrgängen angehörten. Sie hatten ihre künstlerische Prägung noch vor 1933 erhalten, wurden dann aber durch Diktatur und Krieg daran gehindert, diese Prägung zu entfalten. Heinz Trökes malte surrealistisch, während speziell im Südwesten Deutschlands, angeregt durch die in der Bauhaus-Nachfolge gegründete Hochschule für Gestaltung in Ulm, der Konstruktivismus der Zwanzigerjahre in die konkrete Kunst mündete. Nicht zu vergessen die DDR: Zwar verschafft sich die Gewissheit erst zögerlich Platz, doch aus gebührendem Abstand wird deutlich, dass Einzelgänger wie Gerhard Altenbourg, aber auch die bisher abfällig als „Staatskünstler“ titulierten Bernhard Heisig, Wolfgang Tübke und Wolfgang Mattheuer Maltraditionen der Vorkriegszeit mit einem unverwechselbaren Ton fortsetzten.

Doch auch damit war die Polyphonie der Möglichkeiten noch nicht erschöpft. Als die Studenten protestierten und sich ein allgemein gesteigertes politisches Bewusstsein verbreitete, fand auch das sein Pendant in der Kunst, etwa in den Gemälden eines Wolfgang Petrick, der grotesk versehrte Figuren in mit allen Giften dieser Welt kontaminierte Landschaften stellte. Die erneute Gegenbewegung ließ selbstverständlich nicht lange auf sich warten. Ihr Antidot: die Ironie. Einer ihrer Hauptvertreter ist Karl-Horst Hödicke, der die Malerei auf feinsinnige Weise wieder mit dem banalen Alltag versöhnte.

Wenn man sich dann noch vergegenwärtigt, dass in dieser Zeit auch Picasso, de Chirico und Arp noch lebten und arbeiteten, so erlangt das Panorama dieses Jahrzehnts einen schillernden, ja beinahe irrlichternden Charakter. 150 Arbeiten wurden von der Raab Galerie für diese Ausstellung aus eigenen Beständen, aus Privatbesitz und von Galeristenkollegen zusammengetragen. Es ist eine für eine Galerie mehr als umfangreiche Schau geworden. Wobei die Preise der verkäuflichen Werke fast durchgehend unter 10 000 Euro liegen und erstaunlich günstig sind, im Vergleich zur aktuellen Kunst. Trotzdem würden wahrscheinlich noch einmal 150 Arbeiten nicht ausreichen, um diese hysterische Dekade vollständig wiederzugeben. Ingrid Raab sagt, sie habe versuchen wollen, die widersprüchlichen Auffassungen von Kunst miteinander zu versöhnen. Das freilich hat nicht stattgefunden. Die Bilder streiten immer noch.

Raab Galerie, Kantstraße 155 (im Kantdreieck), bis 24. November; Montag bis Freitag 10-19 Uhr, Sonnabend 10-16 Uhr.

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